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Der Traum von einer autarken Dorfgemeinschaft

Noch 22 Kilometer bis Villa Albertina - jetzt geht es auf die holprige Piste.

Landflucht nimmt in Argentinien stark zu. Denn viele Bewohner ländlicher Regionen träumen von einem besseren Leben in einer der Städte und verlassen ihre Dörfer. Aber statt einen gut bezahlten Job zu erhalten, landen sie häufig ohne Perspektive in den städtischen Elendsvierteln. Ser Humanos hat sich das Ziel gesetzt, diesen Trend zu stoppen, indem der Verein in Villa Albertina eine autarke Dorfgemeinschaft aufbauen möchte, die Familien aus Elendssiedlungen eine neue Heimat bietet. Das ambitionierte Projekt in den Bergen der Provinz Córdoba ist aber noch längst nicht am Ziel, wie wir vor Ort festgestellt haben.

Villa Albertina. Es ist kein leichtes Unterfangen, nach Villa Albertina zu gelangen. Das 80-Einwohner-Dorf liegt über 100 Kilometer nördlich von Córdoba, tief in den grünen Bergen der Provinz. Rodrigo, ein Freund aus alten Zeiten in Leipzig und unser Gastgeber für die nächsten Tage, sammelt uns in Deán Funes ein, dass wir nach zweieinhalb Stunden Busfahrt von Córdoba erreichen. Nachdem wir in seinen Geländewagen eingestiegen sind, sagt Rodrigo mit einem breiten Lächeln: „Macht Euch auf `was gefasst, unsere Straßen sind sehr schlecht.“ Und schon ruckeln, schaukeln, holpern wir durch die Nacht.

Um nach Villa Albertina fahren zu können, ist ein Geländewagen schon fast ein Muss.

Um nach Villa Albertina fahren zu können, ist ein Geländewagen schon fast ein Muss.

Obwohl es nur knapp 30 Kilometer von Deán Funes nach Villa Albertina sind, sind wir eine weitere Stunde unterwegs. Auf der Fahrt verstehen wir kaum unser eigenes Wort. Besonders die kleinen Rillen, die die nicht asphaltierte Fahrbahn fast komplett durchziehen, setzen dem Auto mächtig zu. Aber auch die großen, vom Regen aufgeweichten Furchen nehmen den Wagen ordentlich in die Mangel. Es rappelt, es scheppert, es poltert. Eine Fahrt wie in einem Cocktailshaker. Gut durchgeschüttelt kommen wir schließlich in dem Dorf am Rande der Zivilisation an.

Eine Straße in Villa Albertina, die allerdings in keinem guten Zustand ist.

Eine Straße in Villa Albertina, die allerdings in keinem guten Zustand ist.

Am Ortseingang von Villa Albertina, mit bedrohlich dunklen Wolken im Hintergrund.

Am Ortseingang von Villa Albertina, mit bedrohlich dunklen Wolken im Hintergrund.

Es ist stockfinster, als wir vor dem Haus, in dem Rodrigo mit seiner Frau Wiebke und ihren beiden kleinen Töchtern wohnt, vorfahren und die Scheinwerfer des Geländewagens ausgehen. Ein Schritt aus dem Auto gesetzt und schon schlängeln sich die beiden Hunde der Familie durch unsere Beine, schnüffeln an unseren Rucksäcken und freuen sich über den weitgereisten Besuch. Auch wir freuen uns, in Villa Albertina zu sein. Por fin. Endlich.

Keine Ablenkung, aber viel Natur und Ruhe

Am nächsten Tag streifen wir durch das Dorf. Kleine Häuser mit roten Dächern liegen weit verstreut in den Hügeln der Umgebung. Wir genießen die wunderschöne, grüne Landschaft und entdecken immer wieder wild lebende Pferde, die klares Wasser aus dem kleinen Fluss trinken. Villa Albertina, ein Ort der Ruhe, des Friedens, des Müßiggangs. Aber auch ein Ort des Verzichts. Keine Ablenkung weit und breit. Kein Restaurant, kein Kino, kein Theater, keine Bar. Die Bewohner sind gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Ab und an mal ein kleines Haus - Abgeschiedenheit in den Hügeln der Umgebung.

Ab und an mal ein kleines Haus – Abgeschiedenheit in den Hügeln der Umgebung.

Und grün ist es in Villa Albertina.

Und grün ist es in Villa Albertina.

Eine Kirche, in der einmal im Monat ein Gottesdienst stattfindet, gibt es im Dorf auch.

Eine Kirche, in der einmal im Monat ein Gottesdienst stattfindet, gibt es im Dorf auch.

Wild lebende Pferde sehen wir auf unseren Erkundungstouren immer wieder.

Wild lebende Pferde sehen wir auf unseren Erkundungstouren immer wieder.

Kein anderer Mensch weit und breit, dann muss der Selbstauslöser der Kamera eingesetzt werden.

Kein anderer Mensch weit und breit, dann muss der Selbstauslöser der Kamera eingesetzt werden.

Ist dies der Grund, warum die junge Familie sich auf diesem Flecken Erde niedergelassen hat, anstatt ihr Glück in einer der vibrierenden Städte wie Buenos Aires mit ihren vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten zu suchen? Ja und nein. Ja, das Stadtleben haben sie satt – Rodrigo hat unter anderem in New York, Barcelona und Rom gelebt und gearbeitet. Jetzt genießen sie die Abgeschiedenheit in den Bergen. Nein, es geht den beiden in Villa Albertina nicht um Müßiggang. Im Gegenteil. Sie haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt, das sie mit voller Überzeugung versuchen, in die Tat umzusetzen: der Aufbau einer nachhaltig wirtschaftenden und sich selbst finanzierenden Dorfgemeinschaft, die eine begrenzte Anzahl an Familien aus städtischen Elendsvierteln aufnimmt und ihnen eine neue Heimat bietet.

Große Vision, kleine Fortschritte

Um diese Vision realisieren zu können, hat Rodrigo Ser Humanos gegründet. Der Verein ist sowohl in Córdoba als auch in Leipzig, wo Rodrigo häufig gearbeitet und seine Frau Wiebke kennengelernt hat, registriert. Er hofft auf Spenden – vor allem aus dem wohlhabenden Deutschland –, mit denen er sein Projekt vorantreiben möchte. Denn es ist noch sehr viel zu tun.

Die erste Phase ist mittlerweile abgeschlossen: Rodrigo und seine Mitstreiter waren in Elendsvierteln in Córdoba, haben die dort vorherrschenden Lebensumstände genau betrachtet und mit zahlreichen Bewohnern gesprochen. „Dort haben wir die Bestätigung erhalten, dass viele Familien so nicht mehr leben und zurück aufs Land ziehen möchten“, fasst Rodrigo zusammen und ergänzt: „Auch die in Villa Albertina ansässigen Familien sind damit einverstanden. In einer von uns durchgeführten Umfrage hat sich eine große Mehrheit der Bewohner dafür ausgesprochen.“ Das ist also schon einmal geklärt.

Ein weiterer Punkt ist, dass Villa Albertina eine hohe Abwanderungsrate zu verzeichnen hat. Ser Humanos leistet deswegen seit vier Jahren Aufbauarbeit, um wenigstens hier die Landflucht zu stoppen: Der Verein bietet beispielsweise Schulnachhilfe für die Kinder, Computer- und Englischunterricht für alle interessierten Bewohner des Dorfes sowie Workshops zu Themen wie Recycling oder Gemüseanbau an. Des Weiteren haben sie in einem Raum ihres Hauses, den sie Centro Cultural nennen, eine Bibliothek und Internetanschluss eingerichtet. Filmvorführungen finden in diesem Kulturzentrum ebenfalls statt.

Doch auch außerhalb dieser vier Wände ist Ser Humanos aktiv: Unter anderem haben sie Wegweiser im Dorf platziert, damit zum Beispiel die Schule einfacher zu finden ist. Auch Mülleimer wurden aufgestellt. Sind die grünen Behälter voll, entleert Rodrigo diese und entsorgt den Müll. Einen Spielplatz gibt es mittlerweile ebenfalls im Dorf. Die Spielgeräte wie eine Rutsche oder eine Schaukel hat der Verein vom Bürgermeister einer der umliegenden Städte erhalten. Ser Humanos hat in Villa Albertina also bereits einiges auf die Beine gestellt.

Die Bushaltestelle des Dorfes. Busse fahren aber nicht mehr nach Villa Albertina.

Die Bushaltestelle des Dorfes. Busse fahren aber nicht mehr nach Villa Albertina.

Einen Spielplatz gibt es mittlerweile auch im Dorf.

Einen Spielplatz gibt es mittlerweile auch im Dorf.

Das Kulturzentrum von Ser Humanos von außen.

Das Kulturzentrum von Ser Humanos von außen.

Momentan ist das Projekt aber etwas ins Stocken geraten: Denn als nächstes soll das Haus renoviert werden, das dafür benötigte Geld fehlt allerdings. Ist dies jedoch irgendwann geschafft, möchte der Verein ein Grundstück kaufen, auf dem nach und nach Häuser gebaut werden, in die zwölf Familien aus Elendsvierteln einziehen sollen. Ökologische Landwirtschaft inbegriffen. „Aber um dies alles umsetzen zu können, brauchen wir rund 700.000 Euro“, so Rodrigo. Viel Geld, das der Verein nicht annähernd hat. Aber Rodrigo gibt die Hoffnung nicht auf, seinen Traum von einer autarken Dorfgemeinschaft in den Bergen der Provinz Córdoba zu verwirklichen: „Auch wenn sich am Ende vielleicht nur zwei oder drei Familien aus Armenvierteln in Villa Albertina niederlassen können, wäre ich trotzdem zufrieden.“

Der Garten hinter dem Haus von Rodrigo und Wiebke.

Der Garten hinter dem Haus von Rodrigo und Wiebke.

Und aus einer anderen Perspektive.

Und aus einer anderen Perspektive.

Eine unserer Hauptbeschäftigungen in Villa Albertina: Duraznos schneiden.

Eine unserer Hauptbeschäftigungen in Villa Albertina: Duraznos schneiden.

Weitere Informationen über Ser Humanos gibt es unter www.serhumanos.org

2 Kommentare

  1. Stephan sagt

    weiß ja nicht, ob du schon auf dem Laufenden bist :) …Dortmund muss wieder gegen Real Madrid in der nächsten Runde spielen…

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