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Dürftiges Spiel, faszinierende Stimmung

Die Fankurve von San Lorenzo, hier stehen die Barra Brava La Gloriosa Butteler.

Ein großer Wunsch ging in Erfüllung: Wir haben ein Spiel der ersten argentinischen Fußballliga live in Buenos Aires im Stadion mitverfolgt. CA San Lorenzo de Almagro gegen Quilmes AC. Das Heimteam konnte die Partie auf dürftigem Niveau knapp mit 1:0 für sich entscheiden. Doch viel wichtiger: Die Stimmung im Estadio Pedro Bidegain war von großer Leidenschaft und Begeisterung geprägt.

Buenos Aires. Die Verteidiger von Quilmes schieben sich in der eigenen Spielhälfte den Ball hin und her. Verschleppen das Spiel – wie bereits so oft in den Minuten zuvor. Bis jetzt geht die uninspirierte Taktik auf. Es steht 0:0. Mehr möchte die Mannschaft aus der Bierstadt an diesem Spätsommerabend bei ihrem Gastspiel in Buenos Aires wohl auch nicht erreichen. Destruktiv Fußballspielen, nach der Begegnung in der Kabine eine Flasche frischen Gerstensaft öffnen und zufrieden einen Punkt mit auf die Heimreise nehmen.

Die Haupttribüne des Estadio Pedro Bidegain vor dem Spiel.

Die Haupttribüne des Estadio Pedro Bidegain vor dem Spiel.

Der Plan scheitert jedoch: Vielleicht von ihrem eigenen, langsamen Spielstil eingelullt, pennt einer der beiden Innenverteidiger der in weißen Trikots spielenden Gastmannschaft und vertändelt als letzter Mann seines Teams leichtfertig den Ball. Ein Offensivspieler von San Lorenzo erobert die Kugel und hat freie Bahn Richtung Tor. Er umkurvt den Torhüter, lässt sich aber zu weit nach außen drängen, sodass der Winkel für einen Torschuss zu spitz ist. Er entscheidet sich für eine Flanke, der Ball segelt durch den Strafraum und findet einen seiner Mitspieler, der in der 56. Spielminute den Ball mit dem Kopf zum 1:0 über die Linie wuchtet. Das Netz zappelt.

Ekstase auf den Tribünen

In diesem Moment habe ich das Gefühl, dass die Zuschauer zum ersten Mal während des Spiels ganz kurz die Luft anhalten. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Denn dann breitet sich ihre Freude über das erlösende Tor in grenzenlosem Jubel und purer Ekstase auf den Tribünen, die in die Vereinsfarben Rot und Blau gehüllt sind, aus. Insbesondere die Barra Brava (ein Fanclub, deren Mitglieder eine Mischung aus Ultras und Hooligans sind) von San Lorenzo, die La Gloriosa Butteler, toben jetzt vor Begeisterung in der Fankurve. Mit ihrem lautstarken Gesang beeinflussen sie die Stimmung im Stadion maßgeblich – und dies auch nach dem Treffer gegen Quilmes. Dauergesang. Wie schon während der ersten Halbzeit, als das Spiel nicht mehr als deutsches Drittliganiveau zu bieten hatte. Die Zuschauer peitschen die Elf von San Lorenzo weiter nach vorne.

Insgesamt passen über 40.000 Zuschauer in das Stadion von San Lorenzo.

Insgesamt passen über 40.000 Zuschauer in das Stadion von San Lorenzo.

Das Spiel läuft und San Lorenzo greift an.

Das Spiel läuft und San Lorenzo greift an.

Das Gästeteam aus Quilmes kann hingegen nicht mit der eigentlich doch so dringend benötigten Unterstützung ihrer Fans rechnen. Diese befinden sich nämlich gar nicht im Stadion. Nicht, weil sie keine Lust haben, ihren Verein nach Buenos Aires zu begleiten. Sondern, weil sie nicht dürfen. Denn seit einigen Monaten ist für Auswärtsfans der Einlass in gegnerische Stadien verboten. Spiele, die ausschließlich vor heimischem Publikum ausgetragen werden, verlieren einen Teil ihres Reizes, da sich so die Stimmung innerhalb der beiden Fanlager während der 90 Minuten nicht gegenseitig hochschaukeln kann. Aber für die Entscheidungsträger aus Politik und Sport war es wohl die aus ihrer Sicht letzte Möglichkeit, die ausufernde Gewalt zwischen den rivalisierenden Fangruppierungen verschiedener Vereine, die bereits zahlreiche Todesopfer gefordert hat, einzudämmen.

Die Gästetribüne ist leer - direkt hinter dem Stadion befindet sich ein Armenviertel.

Die Gästetribüne ist leer – direkt hinter dem Stadion befindet sich ein Armenviertel.

Krumme Geschäfte der Barra Brava

An diesem Abend bleibt es rund um das 1993 erbaute Estadio Pedro Bidegain friedlich, zumindest in unserem Blickfeld. Wir gehen die Stufen der Tribüne Platea Sur hinunter und machen uns im Pulk der Fans von San Lorenzo auf den Weg Richtung Ausgang. Außerhalb der Stadionanlage herrscht bereits Verkehrschaos, als wir die staubige Straße erreichen. Autos drängeln sich von den provisorisch hergerichteten Parkplätzen, die vor jedem Spiel von den sogenannten Trapitos kontrolliert werden. Rund 50 Pesos nehmen diese Parkplatzeinweiser für jedes geparkte Auto. Einen kleinen Teil des Erlöses dürfen sie behalten, der Rest fließt in die Kasse der Barra Brava, die nicht nur in der Fankurve den Ton angeben, sondern, wie uns erzählt wird, mittels Gewalt und Einschüchterung eben auch in zwielichtige Geschäfte verstrickt sind. Die Polizei lässt sie gewähren. Und wird wahrscheinlich dafür bezahlt, wegzuschauen. Beobachten können wir das natürlich nicht.

San Lorenzo gewinnt 1:0, die Fans gehen zufrieden nach Hause.

San Lorenzo gewinnt 1:0, die Fans gehen zufrieden nach Hause.

Was wir allerdings sehen, ist, dass es nach dem Spiel nur so von schwer bewaffneten Polizisten wimmelt. Sie sind da, um die klapprigen Fanbusse von San Lorenzo, in die sich die Anhänger mit ihren Fahnen und Trommeln quetschen und dort weiter ausgelassen den Sieg feiern, auf der Fahrt in ihre Wohnviertel zu begleiten. Man weiß ja nie. Es wäre schließlich nicht das erste Mal in Buenos Aires, dass ein solcher Bus von einer befeindeten Fangruppe abgefangen wird. Diese Auseinandersetzungen möchte die Polizei vermeiden, logisch.

Wir müssen uns solche Sorgen zum Glück nicht machen, denn unser Gastgeber holt uns in der Nähe des Stadions wohlbehalten ab. Wir steigen in sein Auto ein. Leise summe ich immer noch einige Melodien der eben gehörten Fanlieder.

Außerdem: Papst Francisco ist Fan der Blau-Roten. Nach diesem Erlebnis sympathisieren nun auch wir mit dem Verein San Lorenzo.

Die Sonne geht hinter dem Estadio Pedro Bidegain unter, vor wenigen Minuten haben die Fans dort noch ihr Team lautstark unterstützt.

Die Sonne geht hinter dem Estadio Pedro Bidegain unter, vor wenigen Minuten haben die Fans dort noch ihr Team lautstark unterstützt.

4 Kommentare

  1. Stephan sagt

    Naja, aber immerhin scheinen sie ja nicht 3:0 gegen einen Abstiegskandidaten verloren zu haben :)

  2. Nicole sagt

    Moinsen, ich kenne (kannte) weder die eine noch die andere Mannschaft, aber beim Lesen hab ich eine Gänsehaut bekommen. Da hat wohl jemand alles richtig gemacht!
    Drück euch und (grün-weiße) Grüße aus Leipzig!
    Nicole

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