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Eine Nacht im Hospital Central

Das Hospital Central in Mendoza von außen am Tag nach meines Aufenthaltes.

Wie ist es eigentlich um das argentinische Gesundheitssystem bestellt? Platzen die Krankenhäuser aus allen Nähten? Gibt es kompetente Ärzte? Müssen die Patienten in einer Notaufnahme lange auf eine Behandlung warten? Und was kostet das ganze Procedere? Ein unfreiwilliger Selbsttest.

Mendoza. Gegen drei Uhr nachts wache ich schweißgebadet auf. Mein Kopf dröhnt. Ich fasse mir an die Stirn, ich glühe. Trotzdem friere ich. Schüttelfrost. Das Atmen fällt mir schwer. Ich kann nicht mehr schlafen. Nichts geht mehr. Wir entscheiden, in die Notaufnahme eines Krankenhauses zu fahren.

Das Taxi fährt vor. Al hospital, por favor. Ins Krankenhaus, bitte. Rápido. Schnell. Der Taxifahrer tritt aufs Gaspedal. Eine kurze Fahrt – und wir halten vor der Notaufnahme des Hospital Central, das nicht weit von unserem Hotel entfernt liegt. Mir geht es immer noch schlecht, als wir am Empfang der Notaufnahme stehen. Ich zücke meinen Reisepass. Ein gelangweilt dreinblickender Mitarbeiter des Hospital Central nimmt meine Daten auf. Dann können wir Platz nehmen. Ich plumpse auf eine der bereitstehenden Aluminiumbänke. Die mittlere Leiste der Bank fehlt – und unter dieser nicht ganz intakten Sitzmöglichkeit kauert ein Hund. Was macht verdammt nochmal ein Hund im Wartezimmer eines Krankenhauses, frage ich mich innerlich. Ist mir auch schon egal. Kommt einfach in die Gänge und behandelt mich, bringe ich den losen Gedanken zu Ende.

Ein aus allen Nähten platzendes Wartezimmer voller obskurer Patienten

Es gibt aber ein Problem: Das Wartezimmer ist rappelvoll. Mein getrübter Blick schweift umher. Eine Frau sitzt im Rollstuhl, sie scheint sich eine Beinverletzung zugezogen zu haben. Dann fallen mir zwei Polizisten auf. Sie warten auf einen Patienten, den sie nach der Behandlung aus der Notaufnahme begleiten. Da hat sich wohl jemand daneben benommen. Wenig später trottet ein stämmiger Kerl in das Wartezimmer. Er blutet am Kopf. Gab es Streit? Keine Ahnung. Sicher ist aber, dass er vor mir an der Reihe ist. Blutende Köpfe werden also bevorzugt behandelt. Durchaus verständlich. In diesem Moment geht es mir aber gehörig auf die Nerven. In der Zwischenzeit erhalten wir im Wartezimmer einen weiteren Neuzugang, einen stark betrunkenen. Seine Hose ist durchnässt. Er kann sich kaum auf den Beinen halten. Am kommenden Wochenende findet das jährliche Weinfest in Mendoza statt. Die Vorfreude des Betrunkenen auf das Ereignis schlechthin in der Region war wohl zu groß – und er hat bereits viel zu viel Wein in sich hineingekippt. Er gesellt sich zu ein paar anderen Wartenden, die ebenfalls stark alkoholisiert sind. Man kennt sich.

Nach Alkohol ist mir gerade gar nicht. Jetzt wird mir auch noch schlecht. Dann ist es aber zum Glück endlich soweit. Nach rund eineinhalb Stunden, nicht enden wollender Wartezeit wird mein Name aufgerufen. Daniela erklärt der Ärztin, was mir zu schaffen macht. Erste Maßnahme: Fiebermessen. Das Ergebnis: 39,4 Grad stehen auf der Anzeige des Fieberthermometers. Ich mache es mir auf einer Liege bequem – und sie hängen mich nach meiner Einwilligung an den Tropf. Die Kochsalzlösung, die das Fieber senken soll, läuft in meine Vene. Ein älterer Mann, dessen Frau ebenfalls hier behandelt wird, ruft Daniela zu sich. Er drückt ihr eine Ausgabe des Neuen Testaments in die Hand. Warum das? Steht es so schlecht um mich, dass mir Daniela schnell noch ein paar Bibelzeilen vorlesen soll? Eher nicht. Denn die Behandlung schlägt mittlerweile an. Die Kälte weicht langsam aus meinem Körper.

Veraltete Behandlungsmöglichkeiten, aber verlässliche Ärzte

Den Behandlungsraum sehe ich nun klarer. Hohe, graue Wände. Schummriges Licht. Wind pfeift durch einige Fenster, die sich nicht richtig schließen lassen. Vertrauenserweckend ist anders. Das Entscheidende stimmt aber in diesem Krankenhaus: die Behandlung durch das Ärzteteam.

Nach der verabreichten Infusion schickt mich ein neuer Arzt, dessen Frühschicht – mittlerweile ist es sieben Uhr morgens – eben begonnen hat, in die Röntgenstation. Meine Lunge soll durchleuchtet werden. Sicher ist sicher. Wir gehen durch das riesige Krankenhaus, das bereits zu dieser Zeit nur so von Menschen wimmelt. Viele Angestellte scheinen gerade ihren Arbeitstag zu starten. Sie reihen sich in Schlangen ein, um ihre Anwesenheit in einem dafür vorgesehenen Gerät zu dokumentieren.

In der Röntgenstation geht alles fix. Ich komme an – und schon stehe ich vor dem Röntgenapparat, der bereits Oldtimerstatus innehaben dürfte. Wenige Sekunden später werde ich wieder zu meinem behandelnden Arzt geschickt, der mit einer guten Nachricht auf uns wartet. Mit der Lunge ist alles in Ordnung. Aber was habe ich denn nun? Irgendeinen Virus, antwortet der freundliche Mann in Weiß. Genau könne er das allerdings auch nicht sagen. Er verschreibt mir noch ein Medikament, das das Fieber weiter senken soll. Und dann können wir gehen.

Kostenlose ärztliche Grundversorgung in Argentinien – auch für mich

Aber muss ich für die Behandlung nicht erst noch zahlen? Nein, die ärztliche Grundversorgung ist in Argentinien kostenlos. Auch für Ausländer, die sich nur für ein paar Wochen im Land aufhalten. Wir gucken uns erstaunt an. Meine Auslandskrankenversicherung muss ich also nicht in Anspruch nehmen. Zum Glück, denn das erspart mir Papierkram.

Es ist hell, als wir gegen 7.30 Uhr aus dem Hospital Central treten und uns auf die Suche nach einem Taxi machen, das uns zurück zum Hotel bringen soll. Mir geht es schon besser. Drei Tage beschäftigt mich der Virus allerdings noch, bevor er sich in Luft auflöst. Gut so. Von dort ist er schließlich wohl auch gekommen.

8 Kommentare

  1. renecorina sagt

    Hui…das mit den vollen Warteräumen habe ich auch schon erlebt…war mit Alfred in Buenos aires beim Augenarzt, ohne Lucho, unseren Beherberger, wären wir wohl nie dran gekommen…aber die Behandlung war gut und erfolgreich. Bis zum nächsten mal und passt auf euch auf!

    • Von einer Reise

      Daniela hat am Empfang immer mal wieder nachgefragt. Trotzdem mussten wir lange warten. Aber wir hatten ja sympathische Sitznachbarn ;-) Machen wir, hasta luego.

  2. Frau Riedel sagt

    Zum Glück ist es gut ausgegangen!!! Am besten hat mir der Teil mit der Bibel gefallen -hahaha!

  3. Caro sagt

    Oh, das ist ja nochmal gut ausgegangen. Dann hoff ich mal das bleibt weiterhin so!!!

  4. Doreen sagt

    1,5 h sind doch gar nicht sooo lang, wartet man ja in Deutschland auch in der Notaufnahme – haben da so unsere Erfahrungen ;-)

    Ich wünsche Euch trotzdem, dass ihr den Rest der Reise von solchen Erlebnissen verschont bleibt und freu mich, dass es dir wieder gut geht.

    Liebe Grüße

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