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Gesundheitszentrum in der Garage

Fünf bis zehn Prozent der Bewohner von Buenos Aires, so Schätzungen, leben in Elendsvierteln. In diesen sogenannten Villa Miserias, kurz Villas, herrschen große Probleme: Heruntergekommene Behausungen, mangelhafte Müllentsorgung, schlecht ausgebaute Infrastruktureinrichtungen und häufig fehlende Kanalisationsmöglichkeiten sind nur einige Beispiele. Jedoch veranlassen vor allem die gesundheitlichen Missstände in diesen Siedlungen zahlreiche Organisationen dazu, mit selbst eingerichteten Gesundheitszentren gegen diese Probleme anzugehen. Einer solchen Einrichtung haben wir in der Villa Bajo Flores einen Besuch abgestattet.

Buenos Aires. Das Straßenbild ändert sich abrupt, als wir im Elendsviertel Bajo Flores ankommen. Tiefe Schlaglöcher durchsetzen die halb asphaltierte, halb aus Sand und Staub bestehende Straße, die eine Art Hauptstraße der Villa ist. Links und rechts davon führen schmale, verwinkelte Gassen in das Innere der Siedlung, die auch Villa 1.11.14 genannt wird, da sie im Laufe der Jahre aus eben diesen drei, mit Nummern gekennzeichneten Elendsvierteln zusammengewachsen ist. Rauch steigt an einer Stelle auf. Bewohner verbrennen Müll. Ein paar Meter weiter arbeiten Männer an einem Auto, das in Deutschland wahrscheinlich nur auf einem Schrottplatz zu finden wäre. In die Geruchskombination aus brennendem Abfall und Autoabgasen mischt sich jetzt auch der Duft von gebratenem Fleisch, das an mobilen Imbissständen verkauft wird.

Am Rande der Villa Bajo Flores.

Am Rande der Villa Bajo Flores.

Eine Wand in Bajo Flores, auf der auch die Termine für die nächsten politischen Veranstaltungen angepinselt sind.

Eine Wand in Bajo Flores, auf der auch die Termine für die nächsten politischen Veranstaltungen angepinselt sind.

Wegen der argentinischen Fleischspezialitäten sind wir allerdings nicht nach Bajo Flores gefahren. Ein paar Abbiegungen später erreichen wir aber schließlich unser Ziel: ein ehemaliges Wohnhaus, dessen Garage sowie zwei kleine, darüber liegende Zimmer zu einem von der Bewegung Movimiento Popular La Dignidad (MPLD) eingerichteten und für 2.000 Pesos monatlich betriebenen Gesundheitszentrum umfunktioniert wurde. Das über dem Eingang hängende MPLD-Logo mit dem roten Stern und dem Konterfei von Che Guevara macht klar, welcher politischen Richtung die Bewegung zuzuordnen ist.

Im Vorfeld haben wir ein Gespräch mit der heute arbeitenden Ärztin ausgemacht. Wir müssen uns aber noch gedulden, als wir vor dem Gesundheitszentrum stehen, da sich in diesem Moment noch Bewohner der Villa beraten lassen. Wir schauen uns in der Zwischenzeit etwas um. Die Wände sind mit Gesundheitshinweisen und Ratschlägen wie ¿Qué puede comer mi bebe? (Was darf mein Baby essen?) beklebt. Eine Waage steht in dem rund 15 Quadratmeter großen Raum. Zudem gibt es einen Schrank, in dem Arztutensilien aufbewahrt, und einen Kühlschrank, in dem Medikamente gelagert werden. Hinten, am Ende des Raumes, befindet sich eine alte, ausrangierte Liege. Und vorne, im Eingangsbereich, hängt eine selbstgebastelte Box an einer der gelben Wände. Auf die Schachtel ist Preservativos handschriftlich geschrieben. Die Kondome können kostenlos mitgenommen werden.

Kondome können kostenlos im Gesundheitszentrum mitgenommen werden.

Kondome können kostenlos im Gesundheitszentrum mitgenommen werden.

Kostenlose Beratung und Untersuchung für Villa-Bewohner

Dann hat Juli, die Ärztin, für uns Zeit. Bevor wir jedoch unsere Fragen stellen können, reicht sie uns erst einmal Mate – ein argentinisches Ritual. Vom Tee gestärkt berichtet uns die junge Ärztin, die seit einem Jahr in dem seit fünf Jahren existierenden Gesundheitszentrum arbeitet, dass sich die Villa-Bewohner hier nicht nur gesundheitlich beraten, sondern sich auch untersuchen lassen können. Blutdruckmessen oder eine Diabeteskontrolle, kein Problem. Bezahlen müssen sie dafür nicht. Juli und die anderen Ärzte, die abwechselnd Schicht haben, können in ihrem provisorisch eingerichteten Gesundheitszentrum auch Krankheiten wie Grippe behandeln. Medikamente gegen die gängigen Erkrankungen haben sie auf Vorrat. Für ein Jahr, wie Juli uns mitteilt: „Die Medikamente haben wir als Spenden von Pharmakonzernen erhalten. Aber natürlich nicht einfach so. Viele Demonstrationen waren dafür notwendig“.

Der Behandlungsraum im zweiten Stock des Gesundheitszentrums.

Der Behandlungsraum im zweiten Stock des Gesundheitszentrums.

Arztutensilien liegen dort bereit.

Arztutensilien liegen dort bereit.

Und einen Computer haben sie für die Datenerfassung.

Und einen Computer haben sie für die Datenerfassung.

Und was sind die häufigsten gesundheitlichen Probleme, mit denen die Bewohner von Bajo Flores zu kämpfen haben, fragen wir. Juli überlegt nicht lange, sie zählt auf: Allergien und Hautkrankheiten. Das dreckige Wasser, das aus den veralteten Leitungen kommt, sei schuld daran. Atemprobleme. In Buenos Aires ist es oft feucht. Und zudem drückend heiß. Ein perfekter Nährboden für Schimmel, der in vielen notdürftigen Behausungen des Viertels entsteht. „Das größte gesundheitliche Problem ist allerdings Tuberkulose“, sagt Juli und fügt hinzu: „Aber auch dagegen ergreifen wir Maßnahmen und versuchen, den Betroffenen bestmöglich zu helfen.“

Kampf gegen Tuberkulose  

Eine dieser Maßnahmen setzt Gloria, die an diesem Tag ebenfalls im Gesundheitszentrum ist, mit in die Tat um. Sie ist eine sogenannte Promotora. Eine Gesundheitsexpertin bzw. -förderin. Und jeden Samstag geht sie mit 19 anderen Kollegen von Haus zu Haus: Erst verteilen sie ein Informationsblatt über Tuberkulose, im zweiten Schritt einen Fragenbogen, aus deren Antworten sie ableiten können, welcher Bewohner gefährdet ist. Diese Personen fragen sie, ob sie einen Tuberkulose-Test machen möchten, der im Gesundheitszentrum durchgeführt wird. „Bei uns bekommen sie innerhalb von 48 Stunden das Ergebnis. Lassen sie diesen Test in einem Krankenhaus machen, müssen sie bis zu einem Monat darauf warten“, sagt Gloria. Stellt sich durch den Test heraus, dass jemand an Tuberkulose erkrankt ist, wird umgehend die Behandlung eingeleitet. „Hierbei arbeiten wir mit staatlichen Einrichtungen zusammen, weil wir Tuberkulose in unserem Gesundheitszentrum nicht behandeln können. Aber wir begleiten die Erkrankten bei ihrem Heilungsprozess und erkundigen uns regelmäßig nach ihrem Gesundheitszustand“, so Juli.

Die Ärztin betont zudem, dass es ihr wichtig ist, eine Vertrauensbasis mit den Besuchern des Gesundheitszentrums aufzubauen. Es gehe nicht nur um eine schnelle Behandlung, sondern vor allem um langfristige gesundheitliche Aufklärung, um viele Krankheiten in der Villa gar nicht erst ausufern zu lassen. Sie denkt dabei insbesondere an Tuberkulose, wir sehen es ihr an.

Die Ärztin Juli (l.) und die Promotora Gloria sind bei gesundheitlichen Fragen für die Villa-Bewohner da.

Die Ärztin Juli (l.) und die Promotora Gloria sind bei gesundheitlichen Fragen für die Villa-Bewohner da.

6 Kommentare

  1. Stephan sagt

    schöner Bericht…und die Bilder erinnern uns doch sehr an Sao Paulo und Santos
    LG

  2. Juliane sagt

    Eure Berichte und Fotos sind toll toll toll!! Ich beneide Euch so :D
    Ich wünsche noch viele schöne Abenteuer.

    Seid ganz lieb gegrüßt und habt weiterhin ganz viel Spaß!

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