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Der Frieden

Ins Deutsche übersetzt heißt La Paz „Der Frieden“. Der Name einer Stadt, die für viele gar nicht nach Frieden klingt. Deren Meinung ist: Die bolivianische Metropolregion mit dem angrenzenden El Alto ist gefährlich. Wir haben La Paz unter anderem auf den geschäftigen Märkten und von den hochgelegenen Aussichtspunkten anders kennen gelernt, auch wenn Demonstranten am 1. Mai protestierend auf die Straßen gegangen sind.

La Paz. Wir fahren von Copacabana am Titicacasee mit dem Bus nach La Paz, dem bolivianischen Regierungssitz. Dabei fallen mir irgendwann die Augen zu. Als ich wieder aufwache, stehen wir im Stau. Es geht nur schrittweise vorwärts. Motorräder und -roller schlängeln sich durch die wartenden Autos. Aber auch die Autofahrer signalisieren ihre Ungeduld, indem sie hupen, hupen und nochmals hupen. Jede Lücke – sei es auch noch so eine kleine – wird genutzt, um sich weiter nach vorne zu drängeln. Stoßstange an Stoßstange. Kratzer im Lack werden in Kauf genommen. Kein Problem. Die vierrädrigen Gefährte sind eh größtenteils älteren Baujahrs. Oder haben bereits die ein oder andere Schramme.

Mein Blick schweift ab. Ich schaue auf das Treiben außerhalb des Verkehrschaos, in dem sich der Bus gerade befindet. Auf das Straßenleben, das sich vor meinen noch etwas schläfrigen Augen ausbreitet. An qualmenden Imbissständen essen zahlreiche Bolivianer zu Mittag. Frauen mit langen, schwarzen Zöpfen, die voluminöse Röcke tragen, verkaufen Lebensmittel. Andere Menschen wuseln umher, von Hektik getrieben, so scheint es. Hunde streunen herum. Und wühlen im Müll, der an Straßenecken einfach abgeladen wurde.

In diesem Wirrwarr entdecke ich ein Schild. Auf diesem kann ich im Vorbeifahren zwei Wörter lesen: El Alto. Wir befinden uns also in diesem Moment in der nach Santa Cruz zweitgrößten Stadt Boliviens, die direkt an La Paz grenzt. Bis 1985 war El Alto („Die Höhe“) noch ein Stadtteil von La Paz. Heute ist El Alto auf der Hochebene des Altiplanos eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt.

Aber sicherlich nicht eine der schönsten. Dies vermute ich, obwohl ich bis jetzt nur kleine Ausschnitte von der auf 4.100 Metern gelegenen Stadt durch das dreckige Busfenster erhaschen konnte. Das, was ich erblicke, wirkt ärmlich. Die Häuser sehen heruntergekommen aus. El Alto hat viele einkommensschwache indigene Bewohner, die häufig aus ländlichen Regionen in die Stadt gezogen sind. Im wohlhabenderen, aber eben auch teureren La Paz können sie sich keinen Wohnraum leisten.

Apropos La Paz: Das Ziel unserer Busfahrt rückt im zähfließenden Verkehr näher. Wir biegen auf die große Straße, die nach La Paz führt. Die Stadt breitet sich vor uns aus, als wir in den tiefen Canyon des Río Chokeyapu hinunterfahren.

Die Stadt liegt in einem Talkessel.

Die Stadt liegt in einem Talkessel.

Wir sind von dem spektakulären Ausblick umgehend fasziniert: Tausende Häuser aus roten Steinen nehmen wir in dem riesigen Talkessel wahr. Ganz klein sehen diese aus. Aneinandergereiht. So, als ob es gar keinen Freiraum zwischen den Behausungen geben würde. Irgendeine Art von System ist auf den ersten Blick nicht auszumachen. Die Häuser scheinen kreuz und quer zu stehen. Viele sind in die Höhe gebaut, um der Platznot zu entgehen. Aus diesem Blickwinkel sieht das Ballungsgebiet La Paz-El Alto wie ein Geschwür aus, das fast jeden Zentimeter der staubigen Umgebung überwuchert.

Wir stehen oberhalb von La Paz.

Wir stehen oberhalb von La Paz.

Ein Haus nach dem anderen und kaum Platz, es sieht chaotisch aus.

Ein Haus nach dem anderen und kaum Platz, es sieht chaotisch aus.

Um das trockene, rot-braune Tal herum türmen sich gewaltige Berge wie der 6.439 Meter hohe Illimani auf. Der Gipfel ist an diesem Tag in eine dichte Wolkendecke gehüllt. Auch die erst kürzlich eröffnete Seilbahn, die El Alto mit dem tiefergelegenen La Paz verbindet, passieren wir. Rot-schwarze Gondeln schweben an dicken Stahlseilen hängend zwischen den beiden unterschiedlichen Welten hin und her.

Die Seilbahn verbindet El Alto mit La Paz.

Die Seilbahn verbindet El Alto mit La Paz.

Mittlerweile düsen wir durch La Paz, dessen Stadtbild zum einen kolonial, zum anderen modern geprägt ist. Als wir aus dem Bus steigen, sind wir dank dieser ersten flüchtigen Eindrücke bereits voller Vorfreude auf unsere Zeit in der Stadt, die ins Deutsche übersetzt „Der Frieden“ heißt.

Die Hauptverkehrsstraße in La Paz.

Die Hauptverkehrsstraße in La Paz.

Eine der vielen Nebenstraßen.

Eine der vielen Nebenstraßen.

So sah La Paz früher einmal aus.

So sah La Paz früher einmal aus.

La Paz von seinen schönsten Seiten

Die beeindruckende Aussicht auf La Paz vom Rand der Schlucht reicht uns noch nicht. Wir machen uns in den kommenden Tagen immer wieder auf, La Paz aus neuen Blickwinkeln zu bestaunen. Mehrere Aussichtspunkte in der Stadt, die wir nach und nach abklappern, eignen sich dafür ganz besonders gut.

Einer dieser höher gelegenen Punkte ist der Mirador Killi Killi, der sich nördlich von der Innenstadt befindet. Ein großer Steinbogen ist darauf platziert. Blumenbeete wurden angelegt. An diesem Ort, den viele Touristen besuchen, sieht alles übersichtlich, sauber und geordnet aus. Der Aussichtspunkt steht somit im Kontrast zum an zahlreichen Stellen ungeordneten, leicht chaotischen La Paz.

Aufgeräumt: Der Mirador Killi Killi.

Aufgeräumt: Der Mirador Killi Killi.

Am Mirador Killi Killi stehen wir inmitten der Hochhäuser der pulsierenden Großstadt. Die Bauten des Finanzzentrums Boliviens sind zum Greifen nah. Doch es kommt uns so vor, als ob uns die komplette Metropole zu Füßen liegen würde. Der Höhenunterschied zwischen den einzelnen Stadtteilen ist von hier aus gut zu erkennen. Die weiter talabwärts gelegenen südlichen Viertel und der Stadtrand am oberen Ende des Talkessels weisen einen Höhenunterschied von fast 1.000 Metern auf. Doch nicht nur die Höhe unterscheidet die einzelnen Teile von La Paz, sondern auch der soziale Status deren Bewohner. Grundsätzlich lässt sich sagen: Je höher die Lage ist, desto weniger Geld haben die Bewohner im Portemonnaie. Leider.

Von hier hat man eine faszinierende Sicht auf La Paz.

Von hier hat man eine faszinierende Sicht auf La Paz.

Vor allem springt uns aber das über 40.000 Zuschauer fassende Estadio Hernando Siles ins Auge. Die steilen Tribünen steigen mitten in einem Wohngebiet auf. In diesem Stadion tragen unter anderem die beiden bekannten und von vielen verehrten Fußballvereine Club Bolívar und The Strongest ihre Heimspiele aus.

Das Stadion ist im Hintergrund zu sehen.

Das Stadion ist im Hintergrund zu sehen.

Aus dieser Perspektive haben wir erst einmal genug gesehen. Ungefähr 30 Minuten später schauen wir vom Parque Mirador Laikacota, eine weitere Aussichtsplattform im Stadtteil Miraflores, auf die geschäftigen Straßen von La Paz. Der in einem kleinen Park gelegene Mirador Monticulo im Viertel Sopocachi darf in unserer „Aussichtspunkte-Sammlung“ ebenfalls nicht fehlen. Daniela lässt auch hier den Auslöser ihres Fotoapparats fast im Sekundentakt klicken. Wir genießen noch ein wenig die Sicht auf den Süden von La Paz – und machen uns dann zufrieden auf den Rückweg ins Stadtzentrum.

Der Ausblick vom Parque Mirador Laikacota.

Der Ausblick vom Parque Mirador Laikacota.

Das Leben spielt sich auf der Straße ab

Sie sitzen selten alleine herum und warten auf Kundschaft. In der Regel bieten viele von ihnen gleichzeitig an einem Ort ihre Waren an. So entstehen in unzähligen Straßen von La Paz kleine Gemüse- und Obstmärkte. Bananen, Apfelsinen, Kartoffeln und Tomaten werden verkauft. Und vieles mehr. Gewürze zum Beispiel. Auch Fleisch, das vor Ort, am Straßenrand, nach den Wünschen der Kunden zurechtgeschnitten wird. Ein Vorgang, der wenig appetitlich aussieht. Für uns. Die Bolivianer stören sich nicht daran.

Einer der Straßenmärkte.

Einer der Straßenmärkte.

Vor allem wird Obst und Gemüse verkauft.

Vor allem wird Obst und Gemüse verkauft.

Wie hier auch.

Wie hier auch.

Aber auch Gewürze.

Aber auch Gewürze.

Und Fleisch ebenfalls.

Und Fleisch ebenfalls.

Dieses wird vor Ort zerlegt.

Dieses wird vor Ort zerlegt.

Frauen leiten die Geschäfte. Indigener Abstammung sind sie. Wohl alle Verkäuferinnen, die wir in den hügeligen Straßen von La Paz zu Gesicht bekommen. Die meisten von ihnen setzen Wollmützen auf, schließlich ist derzeit Winter in Bolivien – und es kann besonders in diesen Höhenlagen empfindlich kalt sein. Oder sie tragen hohe, runde Bowlerhüte (am Band um den Hals baumelnd, wenn sie ledig, auf dem Kopf tragend, wenn sie verheiratet sind). „Hauptsache Kopfbedeckung“, so scheint das Motto zu lauten.

Die Verkäuferinnen sind indigener Abstammung.

Die Verkäuferinnen sind indigener Abstammung.

Viele von ihnen tragen sogenannte Bowlerhüte.

Viele von ihnen tragen sogenannte Bowlerhüte.

Oder Wollmützen gegen die Kälte.

Oder Wollmützen gegen die Kälte.

Auch dem touristisch-bekannten Hexenmarkt in der Calle de las Brujas – nicht weit von der großen Iglesia de San Francisco entfernt – statten wir einen Besuch ab. Unter anderem Amulette, Salben und Silberschmuck werden hier feilgeboten. Aber auch getrocknete Lamaföten und Schlangenfleisch sowie Kräuter und Tränke stehen zum Verkauf. Merkwürdig. Doch diese „Spezialitäten“ sollen dem Schicksal der Kunden auf die Sprünge helfen, sollen eine magische Wirkung haben. So wird es kolportiert. Und die Gringos kaufen, angezogen von der vermeintlichen Magie dieser Gegenstände, vom Mythos der Hexerei.

Auf dem Hexenmarkt werden Dinge angeboten, die angeblich eine magische Wirkung haben.

Auf dem Hexenmarkt werden Dinge angeboten, die angeblich eine magische Wirkung haben.

Dieser Markt befindet sich in der Nähe der Iglesia de San Francisco.

Dieser Markt befindet sich in der Nähe der Iglesia de San Francisco.

Lamaföten stehen auch zum Verkauf.

Lamaföten stehen auch zum Verkauf.

Absoluter Humbug. Hokuspokus. Touristenabzocke. Das ist unsere Meinung zum Hexenmarkt in der Altstadt von La Paz. In diesem Moment stehen wir vor einem der kleinen Hexenläden. Ein paar englischsprechende Mädels lassen sich irgendein Pulver andrehen. Geldscheine werden gezückt. Die Ladenbesitzerin grinst zufrieden. Die Touristinnen kichern. Auch sie haben ein Lächeln aufgesetzt. Es scheint alle glücklich zu machen. Immerhin.

Cholitas Wrestling: Ein Hauch von Clownerie

Laute Musik schrillt durch alte, kaum noch funktionstüchtige Boxen. Der blaue Vorhang öffnet sich. Eine füllige Bolivianerin in der traditionellen Kleidung der Andenbewohnerinnen stürmt durch diesen hindurch. Schreiend. Sie streckt die Zunge aus ihrem weit aufgerissenen Mund. Zuerst läuft sie an den Zuschauern vorbei. Mit einigen Anwesenden klatscht sie ab. High five. Sie wird lautstark gefeiert. Zudem posiert sie für Erinnerungsfotos mit Fans. Dann betritt sie ihren Arbeitsplatz. Einen mitten in der kühlen Halle in El Alto stehenden Ring. Die Menge johlt.

Ihre Widersacherin hat danach ihren Auftritt. Sie muss sich allerdings Buh- und Schmährufe gefallen lassen, als sie in den Ring steigt. Die Daumen der Zuschauer zeigen nach unten. Kleine, freche Jungs stürmen zum Rand des Ringes und werfen mit Popcorn nach ihr. Sie klettert auf die Seile an einem der vier Ringpfosten – und präsentiert sich noch einmal dem Publikum. Es hilft nicht. Das Beliebtheitsbarometer steigt nicht an.

Die Ringglocke läutet. Der Kampf der beiden indigenen Frauen geht los. Es ist Zeit für das sogenannte Cholitas Wrestling, bei dem immer die Schlacht zwischen Gut und Böse inszeniert wird. Jeden Sonntag besuchen nicht nur zahlreiche Touristen im Rahmen einer gebuchten Tour das Event, sondern auch Einheimische, die auf einer Tribüne Platz nehmen. Die Ausländer erhalten VIP-Tickets. So steht es zumindest auf der Karte, die auch wir ausgehändigt bekommen. Für die besser zahlende Kundschaft aus Europa, Nordamerika oder sonst woher sind Plastikstühle direkt am Ring hingestellt worden. Eine Zweiklassengesellschaft, die uns nicht gefällt. Kontakt mit den anwesenden Bolivianern ist während der Showkämpfe somit so gut wie gar nicht möglich. Schade.

Zwei Wrestlerinnen "kämpfen" beim Cholitas Wrestling in El Alto.

Zwei Wrestlerinnen „kämpfen“ beim Cholitas Wrestling in El Alto.

Den Wrestlerinnen ist dies vollkommen egal. Sie sind bereits vermeintlich dabei, sich gegenseitig Schläge und Tritte zu verpassen. So gewalttätig, wie es auf den ersten Blick erscheint, ist das Ganze aber nicht. Alles nur Show. Wie bei den großen Wrestling-Vorbildern aus den Vereinigten Staaten. Trotzdem schleudern sich die Frauen durch den Ring. Ganz schmerzfrei werden diese Showeinlagen sicherlich nicht ablaufen.

Schmerzfrei ist wohl auch nicht, was einige der russischen Touristen während der zweistündigen Veranstaltung unternehmen. Um ein möglichst optimales Foto machen zu können, laufen sie mit ihren Kameras, die mit riesigen Objektiven bestückt sind, wie verrückt um den Ring herum. So kommt es auch schon mal vor, dass sie gegeneinander bzw. ineinander rennen. Aua. Das tut weh. Bestimmt sogar mehr als den „Kämpferinnen“ in Trachtenoutfit während der Show, die uns nicht überzeugt.

Wir mit den Wrestlerinnen nach der Show.

Wir mit den Wrestlerinnen nach der Show.

Evo spricht vom Balkon

Es ist der 1. Mai. Und wir sind völlig ahnungslos, als wir uns an diesem Tag Richtung Stadtzentrum aufmachen. Schon von weitem hören wir die Menschenmassen. Und als wir an der Avenida Mariscal Santa Cruz – die Hauptverkehrsstraße, die durch La Paz führt – ankommen, fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Wir erblicken hunderte Demonstranten, die Plakate hochhalten, Fahnen schwenken und lautstark ihre Rechte einfordern. „Klar, heute ist ja der Tag der Arbeit“, schießt es aus uns heraus. Auch – oder gerade – in Bolivien ist dieser Feiertag vor allem dazu da, auf die Straße zu gehen und sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Und diese sind in dem wirtschaftlich schwachen Andenstaat vielerorts dringend erforderlich.

Der Protestmarsch am 1. Mai.

Der Protestmarsch am 1. Mai.

Verschiedene Gewerkschaften beteiligen sich.

Verschiedene Gewerkschaften beteiligen sich.

Zahlreiche Gewerkschaften beteiligen sich an dem Protestmarsch durch die Stadt. Beispielsweise sind die Vereinigungen der Maler und der Bauarbeiter, die alle ihre Bauarbeiterhelme mitgebracht haben, dabei. Auch der Verein Frauen ohne Grenzen marschiert mit. Kommunistische Gruppierungen hüllen große Teile der Proteste in die Farbe Rot. Das Konterfei von Che Guevara ist auf Schildern abgebildet.

Auch der Verein Frauen ohne Grenzen ist dabei.

Auch der Verein Frauen ohne Grenzen ist dabei.

Die "kommunistische Farbe" dominiert an diesem Tag.

Die „kommunistische Farbe“ dominiert an diesem Tag.

Viele Demonstranten haben große Banner mitgebracht.

Viele Demonstranten haben große Banner mitgebracht.

Wie auch in diesem Fall.

Wie auch in diesem Fall.

Und das Konterfei von Che Guevara darf natürlich bei einer Demonstration nicht fehlen.

Und das Konterfei von Che Guevara darf natürlich bei einer Demonstration nicht fehlen.

Zwischendurch kracht es immer wieder. Laute Böller werden geschmissen und Raketen in die Luft geschossen. Es qualmt über der Innenstadt von La Paz. Das anwesende Militär und die Kollegen von der Polizei machen keinen Mucks, sie bleiben ruhig. Es gibt auch keinen Grund einzuschreiten, alles bleibt friedlich an diesem Vormittag, zumindest in unserem Blickfeld.

Die Demonstranten ziehen weiter. Das Ziel ist der Plaza Murillo. Auf dem zentralen Platz befinden sich das Parlamentsgebäude und der Präsidentenpalast. Eigentlich herrscht hier Idylle, Passanten sitzen auf Holzbänken in der Sonne, Tauben gurren um die Wette. Heute ist es anders. Der Plaza Murillo platzt aus allen Nähten, die Demonstranten pusten in ihre Trillerpfeifen und warten. Sie blicken in Richtung des Balkons des Regierungsgebäudes. Eine riesige Bolivien-Flagge hängt dort.

Die Demonstranten versammeln sich auf dem Plaza Murillo.

Die Demonstranten versammeln sich auf dem Plaza Murillo.

Wenige Minuten später ist es soweit. Der Balkon füllt sich mit Menschen. Mit – aus politischen Gesichtspunkten betrachtet – wichtigen Menschen, die am 1. Mai, am Tag der Arbeit, zu den Demonstranten sprechen werden. Die wahrscheinlich wichtigste Persönlichkeit Boliviens darf in solch einem Fall natürlich nicht fehlen. Evo Morales Ayma. Der sozialistische Präsident des Landes. Der Mann, der es vom Coca-Bauern bis ganz nach oben geschafft hat. Ein Vorbild, fast schon ein Held, aber vor allem ein Hoffnungsträger für die meisten Bolivianer, die eben nicht das große Geld verdienen, sondern häufig eher am Hungertuch nagen.

Evo Morales Ayma ergreift das Mikrofon. Schlagartig wird es still, Tausende schweigen, sie horchen ganz gebannt. Diejenigen, die zu weit vom Geschehen entfernt einen Platz in der Menge gefunden haben, starren auf die aufgebauten Großbildleinwände. Wir drücken uns durch einen Pulk von Demonstranten – und haben den Balkon, auf dem sich der Präsident befindet, fest im Blick. Er beugt sich leicht nach vorne, hält das Mikrofon mit beiden Händen fest, so, als ob er es nicht mehr loslassen möchte, und redet mit eindringlichen Worten auf die Anwesenden ein. Er sagt, dass Bolivien aus eigenem Antrieb wirtschaftlich wachsen könne, dass sie keine Unternehmen aus dem Ausland dafür benötigen. Die Menge tobt. Morales, der in Bolivien eine Art politischer Popstar ist, wird mit Sprechchören gefeiert.

Der Präsident spricht zur bolivianischen Bevölkerung.

Der Präsident spricht zur bolivianischen Bevölkerung.

Die Rede wird auch auf Großbildleinwänden übertragen.

Die Rede wird auch auf Großbildleinwänden übertragen.

Evo Morales Ayma ist der Held vieler Bolivianer.

Evo Morales Ayma ist der Held vieler Bolivianer.

Dann ist die Rede vorbei. Und der Plaza Murillo leert sich, schnell. Einige Demonstranten lassen sich von Schuhputzern noch ihr Schuhwerk säubern. Die knienden Arbeiter bekommen dafür nur ein paar Bolivianos.

Ein Schuhputzer bei seiner Arbeit.

Ein Schuhputzer bei seiner Arbeit.

Auch das ist Bolivien, denken wir, ein Land im Zwiespalt zwischen Traum und Wirklichkeit.

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