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Die Höllenfahrt

Wir fahren mit dem Bus von La Paz nach Rurrenabaque ins bolivianische Amazonasgebiet. Eine Fahrt, die nicht nur lange dauert, sondern sich auch zu einem kleinen Alptraum entwickelt, der unsere Nerven gehörig strapaziert.

La Paz/Rurrenabaque. La aventura empieza aqui. Das Abenteuer beginnt hier. Der Slogan der Busgesellschaft Trans Totai fällt uns auf, als wir aus dem Fenster des Busses schauen, der in diesem Moment in La Paz mit dem Ziel Rurrenabaque – ein Dschungelkaff im Amazonasgebiet – losfährt. 16 bis 20 Stunden soll die Reise in den Norden Boliviens dauern. Eine exakte Zeitangabe möchten die Verantwortlichen von Trans Totai nicht machen. Sie wissen schon, warum.

Auch in unserem Fall bestätigt sich dies. Nicht nur, dass die Fahrt länger dauert. Wir stellen auch fest, dass das Abenteuer wirklich bereits mit dem Anlassen des ächzenden Busmotors startet. Die Marketingexperten, die sich den Slogan ausgedacht haben, gaukeln mit dem Werbespruch also keine konstruierten Welten vor, sondern bringen damit einfach nur die Wahrheit auf den Punkt.

Mit dem überladenen Bus an Andenschluchten entlang    

Den ersten kleinen Schock erleiden wir schon, als wir an der Haltestelle in La Paz ankommen und den Bus erblicken. Der untere vordere Bereich des Gefährts fehlt. Ein klaffendes Loch. Es sieht so aus, als ob es irgendwann einmal bei einem Unfall abgefallen und nicht wieder ersetzt worden wäre. Wenig später fällt uns ein, dass wir auf der vor uns liegenden Route sicherlich über Straßen fahren werden, die den Namen gar nicht verdient haben. Schotter. Schlaglöcher. Vielleicht ist es somit notwendig, dass der Bus unten herum in einer abgespeckten Version daherkommt. Als Selbstschutz sozusagen.

Hier fehlt doch etwas, oder?

Hier fehlt doch etwas, oder?

Und noch einmal aus der Nähe.

Und noch einmal aus der Nähe.

Auch von der Seite sieht es nicht vertrauenserweckender aus.

Auch von der Seite sieht es nicht vertrauenserweckender aus.

Bevor der Fahrer die Handbremse lockert und aufs Gaspedal tritt, wird der Bus erst einmal beladen. Zuerst die Gepäckflächen, die mit Luken verschlossen werden. Nicht nur Koffer und Rücksäcke werden hier verstaut. Auch unzählige Kisten, riesige Säcke voller Cocablätter, ein Motorrad, sogar ein ausgebauter Motor und noch einiges mehr kommen ins Innere des Busses. Doch noch ist nicht alles an Bord. Kein Problem, der Rest kommt kurzerhand aufs Dach. Mit langen Schnüren wird das restliche Gepäck festgebunden.

Über zwei Stunden benötigen die Mitarbeiter der Busgesellschaft, um alles startklar zu machen. Dann kann es endlich – mit einer gehörigen Verspätung – losgehen. Doch einer dieser Angestellten hat noch nicht Feierabend. Er bleibt auf dem Dach, auch noch als sich der Bus in Bewegung setzt. Der Grund: Er muss aufpassen, dass sich das oben angebrachte Gepäck nicht in den tiefhängenden Stromleitungen verheddert. Nach einer Zeit klettert er wieder nach unten. Dies hoffen wir auf jeden Fall. Sehen können wir es nicht.

Die Seitenansicht des ramponierten Busses.

Die Seitenansicht des ramponierten Busses.

Bis zum Bersten gefüllt.

Bis zum Bersten gefüllt.

Der Bus kurvt durch die endlos wirkenden Häuserschluchten von La Paz. Als wir die Stadt verlassen, verschlechtern sich die Straßenverhältnisse. Der Asphalt scheint ausgegangen zu sein. Der Bus rappelt mittlerweile über eine Schotterpiste in Richtung Yungas, der Übergang zwischen dem kargen Hoch- und dem tropischen Tiefland. Es geht stundenlang über eine kurvenreiche Passstraße, die auf einer der beiden Seiten in einer Steilklippe endet. Keine Leitplanken, keine Begrenzungspfeiler, gar nichts, nur tiefer Abhang, den wir mit staunenden Augen betrachten.

Regelmäßig kommen uns Autos, Busse oder Laster entgegen. Am Anfang macht uns dies noch etwas nervös, denn die Straße ist eng. Geht dies gut? Passen die Fahrzeuge nebeneinander, ohne dass das eine das andere in den Abgrund bugsiert? Es klappt, zum Glück gehen diese Begegnungen ohne Karambolage aus.

Es ist Nacht geworden. Im Dunkeln funkeln uns immer wieder die Scheinwerfer des Gegenverkehrs bedrohlich an. Wie wilde Tiere kommen uns diese vor. Nach einer Zeit gewöhnen wir uns daran – und fallen in den Schlaf, auch wenn dieser aufgrund der miserablen Straßenverhältnisse eher unruhig ist.

Kurz vorm „Kentern“ im tiefen Morast

Wir wachen im Morgengrauen auf. Mittlerweile befinden wir uns im Amazonasgebiet Boliviens, nur noch wenige Stunden vom Zielort Rurrenabaque entfernt. Es gibt jedoch ein Problem: Dauerregen. Wasser läuft in breiten Rinnen die Fensterscheiben des alten Busses hinunter. Der lehmige Boden der Fahrbahn ist aufgeweicht und die matschige Straße ist größtenteils überflutet. Zudem weist sie tiefe Rillen auf, die die hier vorher entlanggekommenen Fahrzeuge hinterlassen haben.

Die Straße nach Rurrenabaque ist in einem katastrophalen Zustand.

Die Straße nach Rurrenabaque ist in einem katastrophalen Zustand.

Der Bus bleibt regelmäßig für kurze Zeit im Morast stecken. Die Reifen drehen durch. Doch es geht immer irgendwie weiter. Wir schauen uns skeptisch an. Den Zeitplan wird der Bus sicher nicht halten können, davon sind wir bereits jetzt überzeugt. Das ist nicht so dramatisch, wir haben es nicht eilig, sagen wir uns.

Noch lassen wir uns die Laune nicht verderben.

Noch lassen wir uns die Laune nicht verderben.

Aber es kommt noch schlimmer: Der Bus fängt an zu schlingern, er wird vom tiefer werdenden Untergrund geführt und bewegt sich abrupt von links nach rechts. Es fühlt sich nicht so an, als ob wir in einem Bus sitzen würden. Nein, es ist eher mit einer Bootsfahrt bei heftigem Wellengang in rauer See zu vergleichen. Unser Bus gerät ins Schaukeln, er kippt etwas zur Seite, als wir den höchsten Punkt einer dieser Wellenbewegungen erreicht haben. Den Passagieren – außer uns sind es fast ausschließlich Einheimische – stockt der Atem. Es ist für einen Augenblick mucksmäuschenstill. Ich richte mich auf und klammere mich an die Kopflehne des Vordersitzes. Für einen Moment glaube ich, dass der Bus krachend zur Seite stürzen wird. Es passiert allerdings nicht, er hält sich. Erleichterte Laute sind zu vernehmen. Doch es geht umgehend weiter, keine Erholung: Der Bus rutscht den Wellenkamm aus Schlamm nämlich wieder in die andere Richtung hinab.

Die Straßenverhältnisse werden und werden nicht besser.

Die Straßenverhältnisse werden und werden nicht besser.

Die Fahrzeuge bleiben regelmäßig stecken.

Die Fahrzeuge bleiben regelmäßig stecken.

Wir schwitzen – und denken nun: Hauptsache, wir kommen gesund in Rurre, wie der Dschungelort auch genannt wird, an. Wir hoffen deswegen, dass der Busfahrer, der am Lenkrad Höchstleistungen bringen muss, durchhält und auch weiterhin alles im Griff hat. Sorgen bereitet uns hingegen der Bus. Seit einiger Zeit gibt dieser grelle, fast schon kreischende Geräusche von sich. Und das alle paar Sekunden. Es hört sich ein wenig so an, als ob ein erboster Drache Feuer speien würde. So stellen wir uns dies zumindest vor.

Die Piste ist richtig überschwemmt.

Die Piste ist richtig überschwemmt.

Vier schweißtreibende, durchgerüttelte Stunden später und nach über 24 Stunden Gesamtfahrtzeit erreichen wir Rurrenabaque. Wohlbehalten. Ohne einen Kratzer abbekommen zu haben. Aber dennoch völlig fertig. Insbesondere nervlich.

Wir steigen aus dem Bus aus und atmen erst einmal tief durch, bevor wir unsere Rucksäcke in Empfang nehmen. Die Bolivianer haben diese turbolente Fahrt schneller verkraftet. Sie wuseln bereits wieder umher und sammeln ihre zahlreichen Gepäckstücke zusammen. Auch den Busfahrer entdecken wir im Getümmel. Er sieht nicht sonderlich geschafft aus. Uns fällt weiter auf, dass er Flip Flops trägt. Ist er die ganze Strecke in diesen Latschen gefahren, fragen wir uns. Und gab es überhaupt einen zweiten Fahrer, mit dem er sich abgewechselt hat?

Wir wissen es nicht. Aber er scheint von den Geschehnissen der zurückliegenden Stunden nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Es war nur eine weitere Höllenfahrt ins Amazonasgebiet von Bolivien.

Wie könnte der Slogan der Busgesellschaft also ebenfalls heißen? La aventura sigue. Das Abenteuer geht weiter.

7 Kommentare

  1. Puh, wie ich solche Fahrten hasse. Obwohl sie ja auch irgendwie dazu gehören, durchlebt man da des Öfteren Todesängste ;) schön geschrieben!

    • Von einer Reise

      Vielen Dank, Aylin! Ja, es hat etwas von einer Hass-Liebe. Während der Fahrt haben wir uns das ein oder andere Mal an einen anderen Ort gewünscht, nachdem wir es überstanden hatten, waren wir aber um eine aufregende Reiseanekdote „reicher“… ;-)

  2. Das ist gut geschrieben =). Ich hab es mal verlinkt in meinem Post:

    http://adventureluap.de/backpacking-in-bolivien/

    Ich habe mich ähnlich gefühlt, als ich mit dem Bus in Peru von Cajamarca bis nach Chachapoyas gefahren bin, das hat zum Glück aber nur 12 h gedauert. Einmal war ich auch von Cusco aus in den ManU Park unterwegs, da gab es während der Fahrt einen Erdrutsch. Als wir die Straße leerräumen wollten, da sind gerade Steine den Hang runtergerutscht.

    Auf jeden Fall möchte ich auch noch nach Rurrenabaque =)

    • Von einer Reise

      Hallo Paul, vielen Dank für Deinen Kommentar und für die Verlinkung. Nach Rurrenabaque solltest Du auf jeden Fall mal – aber vielleicht nimmst Du lieber das Flugzeug… ;-)

  3. felix sagt

    Habe die fahrt vor ca 4 Jahren gemacht und sie war schlicht ein Albtraum, ich würde jedem dazu raten einfach das Geld für nen Flieger auszugeben oder zur Trockenzeit zu kommen (ich war im April da also zum ende der regenzeit). Meine fahrt hat ca 32 (!) Stunden gedauert. Das lag unter anderem daran, dass wir nachts zunächst an nem Steilhang im Schlamm steckenblieben für knapp 4 Stunden. Die Straßen waren irgendwann eine reine Katastrophe, komplett voll mit Schlaglöchern. An einer Stelle ist der Busfahrt ernsthaft ausgestiegen und hat mit ner Spitzhacke abgefangen die Straße umzugraben, damit er drüber fahren konnte. Als finale sind wir 2 Stunden vor rurrenabaque auf ne riesige Straßenblockade gestoßen, ca 10 Lkws standen quer und irgendwelche Arbeiter haben demonstriert. Der bus fahren hat da nur mit den Schultern gezuckt und dann konnten wir gucken wie wir weiterkommen haha. Auf der anderen Seite wartete zum Glück ein Bus der mich ans Ziel brachte. Gute Story die man danach erzählen kann jo, aber man kann sich vorstellen wie fertig ich war. Achso und zurück nach La paz fuhr der Bus gar nich erst.

    • Von einer Reise

      Oh Mann, das ist ja heftig. Als i-Tüpfelchen noch eine Straßenblockade ;-) Wir würden uns jetzt sicherlich auch für den Flug entscheiden. Danke, dass du deine Erfahrungen mit uns geteilt hast.

  4. julian knuth sagt

    ACHTUNG!!!Diese Busunternehmen kann ich nicht empfehlen!!! da uns in unserem Urlaub November 2016, 2 Rucksäcke am Busterminal in La Paz mit Geld, Kreditkarten, Handy und Kleidung direkt aus der Agentur geklaut wurden, wo wir diese für 1 Stunde zwischengelagert haben. Danach wurde mir versprochen das ich 50% des Wertes bekomme, was dann natürlich nicht geschah! In der selben Woche ist ein Bus dieser Firma mit 5 Toten verunglückt, wegen überhöhter Geschwindigkeit etc.!!! Also Obacht geben bei dieser Firma!!!!

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