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Belo Horizonte in kolumbianischer Hand

Am 14. Juni trafen Kolumbien und Griechenland bei der Fußball-WM in der drittgrößten Stadt Brasiliens, Belo Horizonte, aufeinander. Die Mannschaft aus Südamerika gewann deutlich mit 3:0. Und auch die stimmgewaltigen und feierwütigen Fans aus Kolumbien waren am Tag vor der Partie in der Innenstadt sowie am Spieltag rund um das Estádio Mineirão klar in der Überzahl – und somit eindeutiger Sieger des Aufeinandertreffens mit den Griechen. Wir haben die Anhänger der kolumbianischen Nationalmannschaft begleitet – und dabei viele bunte Eindrücke gesammelt.  

Belo Horizonte. Eine Bar reiht sich an die nächste in der Straße in Savassi, die wir hinauflaufen. In dem Ausgehviertel von Belo Horizonte tobt das Leben. Und an diesem Abend noch mehr, als wohl an den meisten anderen des Jahres. Der Grund: Es ist WM – und die gut gelaunten, stimmungsvollen Kolumbianer sind in der Stadt, da die kolumbianische Nationalmannschaft am 14. Juni ihr erstes Spiel bei diesem Turnier gegen Griechenland im Estádio Mineirão in Belo Horizonte austrägt.

Bevor die Kolumbianer jedoch ihr Team im Stadion anfeuern konnten, schauen sie sich erst einmal die Revanche des vergangenen WM-Endspiels Spanien gegen die Niederlande auf der belebten, eben beschriebenen Straße im Fernsehen an. Und Public Viewing auf kolumbianische Art und Weise ist eine ausgelassene Feier. Sprechchöre nonstop. Kolumbien wird bereits angefeuert, auch wenn sie erst morgen gegen den Ball treten. Zudem wird jeder halbwegs gut aussehenden Frau, die an der fußballschauenden Meute vorbeiläuft, nachgepfiffen. Die Fußball-Fans erheben sich freudestrahlend von ihren Sitzplätzen – und johlen den jungen Damen hinterher, die darüber nur verlegen lächeln können.

Das Spiel ist anfangs nebensächlich, die Kolumbianer feiern sich lieber selber ausgelassen. Das 1:0 der Spanier wird jedoch mit einem lauten Grummeln registriert. Denn die Kolumbianer, die den Holländern die Daumen drücken, sind darüber nicht gerade erfreut. Die alte Kolonialmacht Spanien scheint in Kolumbien keinen guten Ruf zu genießen. Dann fällt das 1:1, danach das 2:1, sogar das 3:1 für die Niederlande. Spätestens jetzt ist die Straße ein Hexenkessel. Die kolumbianischen Anhänger entdecken endgültig ihre Liebe für das Team, das gerade den Spaniern gepflegt den Hintern auf dem Platz versohlt. Vamos Holanda, singen sie jetzt in Dauerschleife. Und einer beachtlichen Lautstärke. Die niederländische Auswahl gewinnt am Ende überraschend 5:1 gegen den noch amtierenden Weltmeister von der iberischen Halbinsel. Und für uns sind die Kolumbianer bereits jetzt auf dem besten Weg, Stimmungs-Weltmeister zu werden.

Kolumbianer feiern eine große Party

Das bestätigt sich auch am kommenden Tag rund um das über 60.000 Zuschauer fassende Estádio Mineirão, das im Stadtteil Pampulha steht, der am Spieltag aus allen Nähten platzt. Wie gestern: Die kolumbianischen Farben dominieren auch hier. Das Blau und Weiß der Griechen ist in dem Meer aus gelben Trikots nur vereinzelt zu sehen.

Das erkennen wir bereits, als wir uns dem Stadion nähern. Schon an der ersten Einlasskontrolle stehen fast ausschließlich Kolumbianer neben uns. Sie halten Tickets in ihren Händen. Wir nicht – und trotzdem gelangen wir durch die Absperrung. Mich fragen sie erst gar nicht nach einem Ticket, Daniela gibt sich als deutsche Fotografin aus – und darf passieren.

Wir befinden uns nun vor der Betonschüssel Estádio Mineirão. Dichtes Gedränge. Die Kolumbianer feiern, als ob sie bereits die Weltmeisterschaft für sich entschieden hätten. Fast alle tragen Trikots, sie haben Fahnen dabei, sind in den Nationalfarben geschminkt und haben teilweise lustige Hüte auf dem Kopf. Zudem singen sie ununterbrochen ihre Fangesänge. Mal in kleinen Gruppen, mal wird daraus ein riesiger, ohrenbetäubender Chor. An einer Stelle wird laute Musik gespielt, Frauen und Männer tanzen Salsa. Die Freude, seit 16 Jahren wieder bei einer Weltmeisterschaft vertreten zu sein, ist ihnen in jeder Sekunde anzumerken.

Langsam leert sich der Bereich vor dem Stadion, das Stadioninnere wird hingegen natürlich voller. Kurz vor dem Spiel finden wir uns in einer Kneipe direkt am Estádio Mineirão ein. Fünf Brasilianer sprechen mich freudestrahlend an. Ihnen ist das Trikot von Atlético Mineiro aufgefallen, das ich heute trage. „Du bist Fan von unserem Verein“, schreien sie heraus und fragen hinterher: „Aber woher kommst Du?“ Ich antworte, dass ich aus Deutschland bin, mein Lieblingsfußballer aller Zeiten Dedê ist, der 13 Jahre für meinen Verein Borussia Dortmund gespielt, aber seine fußballerische Laufbahn in Belo Horizonte bei Atlético Mineiro begonnen hat. Sie grinsen zufrieden – und geben mir umgehend ein Bier aus.

Auch ich bin zufrieden. Fußball kann so schön sein, denke ich. Vor allem, wenn Kolumbien in Brasilien spielt.

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