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Das andere Rio de Janeiro

Gamboa, das alte Hafenviertel von Rio de Janeiro, gilt nicht als das touristische Schmuckstück der Metropole am Zuckerhut. Der Putz bröckelt von den meisten Häusern, zwielichtig dreinblickende Männer laufen durch die Straßen und die bekannten Stadtstrände von Copacabana und Ipanema befinden sich nicht in unmittelbarer Nähe. Trotzdem versprüht das sambaliebende Viertel auf den zweiten Blick einen besonderen Charme, dem wir erlegen sind.

Rio de Janeiro. Kurz vor unserem Aufenthalt in Rio de Janeiro tun wir etwas, dass wir auf dieser Reise eigentlich nicht machen: Wir suchen vorab im Internet nach einer Unterkunft. Der Grund: Die WM startet in wenigen Tagen und deswegen ist mit einem verstärkten Besucherandrang in der Metropole am Zuckerhut zu rechnen.

Daniela schmeißt also unseren Laptop an und begibt sich auf die Suche, die sich jedoch als mühsam und schwierig herausstellt. Denn entweder sind die Übernachtungen so teuer, dass uns für kurze Zeit schwindlig wird. Oder die Hostels sind für den gewünschten Buchungszeitraum bereits belegt. Doch Daniela gibt nicht so schnell auf – und stößt auf ein Hostel in Gamboa, das unseren preislichen Vorstellungen entspricht. Sie liest mir aus dem digitalen Inserat vor: „Das Hostel liegt im alten Hafenviertel von Rio de Janeiro, das rau wirkt“ steht unter anderem darin.

Ich grüble. Altes Hafenviertel. Rau. Die Millionenstadt soll eh schon an vielen Ecken seine Tücken haben und gefährlich sein, müssen wir da ausgerechnet in einem Stadtteil unterkommen, der sich nicht unbedingt nach Wohlfühloase anhört, frage ich mich. Aber Daniela will – und lässt nicht locker. Ich gebe mich geschlagen. Gebucht. Gamboa, wir kommen.

Ganz gewöhnliche Nachbarn

„Hier müsst ihr nach rechts gehen, dies ist die Straße, in dem sich das Hostel befindet“, sagt der Busfahrer noch, bevor sich die Tür hinter uns ruckartig schließt. Gamboa, hier sind wir also. Wir blicken uns um – und erkennen, dass die meisten Häuser einen neuen Anstrich vertragen könnten. Der Putz bröckelt. Unser Blick schweift aber schnell auf die Menschen, die an uns vorbeigehen. Es ist einiges los in den Straßen des alten Hafenviertels. Die Kneipen sind voll. Große Biere werden über die Tresen gereicht. Mittagszeit. Es wird bereits gepichelt.

Der Beginn der Straße, in der sich unser Hostel befindet.

Der Beginn der Straße, in der sich unser Hostel befindet.

Wir biegen in die Straße ein, in der unsere Unterkunft zu finden ist. Einige zwielichtig dreinblickende Männer hängen vor einem heruntergekommenen Haus herum. Oberkörperfrei. Poserhaltung. Bad-Boy-Attitüde. Sie quatschen miteinander. Es wird laut gelacht. Dann kommt eine leicht bekleidete Dame vorbei. Der Blick ist schief. Der Gang ist schwankend. Die Männer rufen ihr etwas zu, was wir nicht verstehen. Wir passieren die Gruppe. Uns würdigen sie keines Blickes.

Diese Straße sieht nicht sonderlich einladend aus.

Diese Straße sieht nicht sonderlich einladend aus.

Wenig später stehen wir vor der verschlossenen Tür der Unterkunft, für die wir eine Reservierung haben. Wir klingeln. Lautes Schellen. Wir hören Schritte. Dann springt das dicke Schloss auf. Das breite Lächeln der aus den USA stammenden Hostelbesitzerin ist zu sehen. „Bitte, kommt herein“, sagt sie. Wir treten in den schmalen Flur des Altbaus. An den Wänden hängen Lichterketten, um den dunklen Gang aufzuhellen. Sie zeigt uns unser Zimmer, das wir für fünf Nächte beziehen. Einfach ist es. Aber wir haben genügend Platz. Mehr brauchen wir nicht. Das passt.

Das Hostel in Gamboa, in dem wir fünf Nächte verbracht haben.

Das Hostel in Gamboa, in dem wir fünf Nächte verbracht haben.

Nicht jedes Haus in der Nachbarschaft ist gut in Schuss.

Nicht jedes Haus in der Nachbarschaft ist gut in Schuss.

Tolle alte Häuser, die aber schon bessere Zeiten gesehen haben.

Tolle alte Häuser, die aber schon bessere Zeiten gesehen haben.

Die Fassaden könnten eine Renovierung vertragen.

Die Fassaden könnten eine Renovierung vertragen.

„Und, wie findet ihr die Gegend bis jetzt?“, fragt die Blondine mit dem gräulichen Haaransatz auf einmal. „Gewöhnungsbedürftig“, antworte ich. „Das ist es. Aber ich denke, euch wird es hier gut gefallen“, entgegnet sie darauf. Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf, wie sich im Laufe unseres Aufenthaltes in Gamboa herausstellt.

Gamboa erstreckt sich auch über einen kleinen Hügel.

Gamboa erstreckt sich auch über einen kleinen Hügel.

Es gibt viel alte Bausubstanz in diesem Viertel.

Es gibt viel alte Bausubstanz in diesem Viertel.

Ein weiteres Beispiel dafür.

Ein weiteres Beispiel dafür.

Und auch zahlreiche Graffitis.

Und auch zahlreiche Graffitis.

Wie auch dieses.

Wie auch dieses.

Dieses Haus ist schon fast ein Gesamtkunstwerk.

Dieses Haus ist schon fast ein Gesamtkunstwerk.

Und dieses Haus steht dem in nichts nach.

Und dieses Haus steht dem in nichts nach.

Ein Viertel voll von Musik

Es ist Samstagabend. Dunkelheit legt sich über das am Tag von Menschen nur so wuselnde Gamboa. Ruhiger wird es dadurch aber nicht. Nein, es wird eher noch lebendiger. Denn auf dem Praça da Harmonia tummeln sich gegen 20 Uhr bereits zahlreiche Tanzwütige. Auch wir schauen vorbei.

Essensstände sind aufgebaut. Da ich hungrig bin, schlage ich erst einmal zu. Doch das Wesentliche an diesem Abend spielt sich in der Mitte des Platzes ab. Neben dem kleinen Rondell treten verschiedene Sambagruppen nacheinander auf. Es sind weniger aneinandergereihte Konzerte, vielmehr sollen die Besucher mitmachen. Vor allem mittanzen.

Bereit für das erste Lied.

Bereit für das erste Lied.

Und schon geht es los.

Und schon geht es los.

Die Trommler sorgen für den Rhythmus.

Die Trommler sorgen für den Rhythmus.

Die erste Sambaformation hat sich positioniert. Eine Frau und drei Männer sitzen hinter großen Trommeln. Rhythmisch fangen sie an zu spielen. Um die Musiker bildet sich ein Kreis. Frauen mit bunten Röcken, die nun ihre Stimmen erheben. Schnell kommen mehr und mehr Menschen dazu. Es wird geklatscht. Und mitgesungen. Der Chor wird lauter und lauter. Eine Frau und ein Mann begeben sich in die Mitte des musikalischen Zirkels – und bewegen sich gekonnt zu den Klängen, die auch im Umkreis des Platzes gut zu hören sind. Lebensfreude pur.

Mit viel Spaß wird getanzt.

Mit viel Spaß wird getanzt.

Und viele machen mit.

Und viele machen mit.

Die ist auch zwei Tage später ganz deutlich zu spüren. Denn in der Nacht von Montag auf Dienstag steht Gamboa wieder im Zeichen des Sambas, wenn in der schummrigen Straße Pedra do Sal eine Hinterhof-Sambaparty stattfindet.

Es regnet in Strömen, als wir dort ankommen. Unter einer Überdachung trinken einige Feierlustige Caipirinhas. Die ausgelassene Feier steigt aber in den vier kleinen, garagenartigen, proppenvollen Kneipen. Die meisten Besucher drängeln sich in der Bar, für die wir uns entschieden haben, erst einmal an die provisorisch aufgebaute Theke. Auch wir stürzen uns in das Gedränge – und bestellen nach einiger Wartezeit zwei Bier. Dann gehen wir ein paar Meter weiter ins Innere.

Hier spielt schließlich die Musik. Um einen großen Holztisch versammeln sich fünf Musiker, die zu ihren Instrumenten greifen und die ersten Töne anschlagen. Sofort strömen Partygäste hinzu – und stimmen textsicher in das leidenschaftlich gesungene Lied mit ein. Es wird getanzt, bis die Beine nicht mehr mitmachen. Nach jedem Song wechselt die Gruppe der Sambamusiker durch. Stundenlang geht dies so. Immer weiter. Eine ungebremste Partynacht. Ohne Pause.

Am Tag danach auf der Partystraße.

Am Tag danach auf der Partystraße.

Spätestens in dieser Nacht haben wir ein kleines Stück unserer Herzen verloren. An das andere Rio de Janeiro. An das singende, tanzende, feiernde Gamboa.

4 Kommentare

  1. Doreen sagt

    Na das klingt ja toll … da bekomm ich auch gleich Lust mal wieder Tanzen zu gehen … ist schon ewig her.

    Ich wünsch euch noch viele solcher Momente, aber verliert eure Herzen nicht ganz. Wir freuen uns ja schon, wenn ihr wiederkommt. :-)

    • Von einer Reise

      Rio de Janeiro ist eine unglaublich tolle Stadt. Auf unsere Rückkehr könnt ihr euch noch sieben Wochen lang freuen, dann sind wir wieder da ;-) Und dann können wir auch Tanzen gehen :-)

  2. renecorina sagt

    Dann bringt mal einen Hüftschwung mit…uns wird ja immer Steifheit um diese Gegend attestiert!

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