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Abend der Fassungslosigkeit

Der brasilianische Traum ist geplatzt. Nach der historischen 1:7-Niederlage der Brasilianer gegen die entfesselt aufspielende deutsche Nationalmannschaft im WM-Halbfinale in Belo Horizonte wird es nichts mit dem sechsten WM-Titel der Seleção. Auch die Fans im Ferienort Canoa Quebrada an der Nordostküste des Landes waren deswegen der Verzweiflung nahe, wie wir miterlebt haben.

Canoa Quebrada. Die brasilianische Nationalhymne wird kurz vor dem Anpfiff des WM-Halbfinals Brasilien gegen Deutschland im Estádio Mineirão in Belo Horizonte gespielt. Die Spieler der Seleção schmettern die Textzeilen inbrünstig mit. Wie eine ganze Nation an den Fernsehschirmen. Auch in einer bis zum Bersten gefüllten Bar im Ferienort Canoa Quebrada im Nordosten Brasiliens singen Hunderte in gelb-grünen Trikots. Die Zuversicht vor der Partie gegen die deutsche Nationalelf ist groß. Auch wenn der dribbelnde brasilianische Hoffnungsträger, Neymar Jr., für das wichtige Spiel verletzt ausfällt.

Alles ist für das wichtige Spiel vorbereitet.

Alles ist für das wichtige Spiel vorbereitet.

Die ersten Fans sind schon lange vor dem Anpfiff in der Kneipe. Die ersten Fans sind schon lange vor dem Anpfiff in der Kneipe.

Auch wenn der Star Brasiliens nicht spielen kann.

Auch wenn der Star Brasiliens nicht spielen kann.

Totenstille und unterdrückte Tränen

Anpfiff. Die ersten Ballkontakte. Die ersten Spielzüge. Die Fans gehen mit. Jede Halbchance der Gastgeber wird gefeiert. Laute Ooohs und Aaahs schallen im Sekundentakt durch die kleine Kneipe. Doch dann trifft Thomas Müller zum 1:0 für Deutschland. Die Ooohs und Aaahs verstummen.

Auf der Hauptstraße des Ortes ist einiges los.

Auf der Hauptstraße des Ortes ist einiges los.

Die Bar füllt sich ebenfalls mehr und mehr.

Die Bar füllt sich ebenfalls mehr und mehr.

Und es kommt noch schlimmer für die eben noch so hoffnungsvollen Brasilianer: Innerhalb von sechs Minuten schießt Deutschland vier weitere Tore. 5:0 nach einer knappen halben Stunde Spielzeit. Zahlreiche Zuschauer stehen bereits auf, verlassen die Bar und machen sich auf den Heimweg. Die Enttäuschung ist zu groß. Der ausharrende Rest blickt ins Leere. Unterdrückte Tränen. Totenstille. Mittlerweile. Nach den ersten drei Treffern jubeln wir – die einzigen Deutschen im Raum – noch lautstark. Danach halten wir uns mehr und mehr zurück. Ein wenig Rücksichtnahme ist in diesen Momenten angebracht, denken wir. Aber auch wir können nicht glauben, was wir in dem rechteckigen TV-Kasten zu sehen bekommen.

Entsetzen ist auch in diesem Gesicht zu erkennen.

Entsetzen ist auch in diesem Gesicht zu erkennen.

Wenige Minuten vor dem Pausenpfiff durchbricht eine Frau, die einen Brasilien-Hut aufgesetzt hat, das verzweifelte Schweigen: „5:0. In der ersten Hälfte. In einem WM-Halbfinale. Das kann nicht sein. Hat es das schon einmal gegeben?“ Niemand antwortet. Nur Kopfschütteln. Pause. In Belo Horizonte. Auch die übrig gebliebenen Anhänger der Seleção in Canoa Quebrada brauchen eine Auszeit. Sie gehen auf die Straße – und schnappen frische Luft.

Deutschland führt hoch, die Kneipe wird immer leerer.

Deutschland führt hoch, die Kneipe wird immer leerer.

Galgenhumor und trotziges Tanzen

Die zweite Halbzeit läuft. Die Kneipe ist vielleicht nur noch halb gefüllt. Die meisten, die noch da sind, interessieren sich gar nicht mehr wirklich für das bereits entschiedene Halbfinalspiel. Sie drehen der Leinwand den Rücken zu – und unterhalten sich.

Das Spiel ist für einige bereits vor dem Abpfiff beendet.

Das Spiel ist für einige bereits vor dem Abpfiff beendet.

Dem deutschen Nationalspieler André Schürrle ist das egal. Er legt die Tore sechs und sieben für Deutschland nach. Ein junger Mann zeigt mit seinen Fingern die Zahl sieben. Er lacht herzhaft. Schaut aber trotzdem gequält drein.

Die brasilianischen Spieler gucken ebenfalls nicht gerade glücklich.

Die brasilianischen Spieler gucken ebenfalls nicht gerade glücklich.

In der letzten Spielminute erzielt Oscar den Ehrentreffer für Brasilien. Die Barbesucher fallen sich in die Arme. Würden wir das Ergebnis nicht kennen, könnten wir glauben, dass das brasilianische Team gerade ins WM-Finale eingezogen wäre. Galgenhumor, der den enttäuschten Brasilien-Fans eventuell bei der Trauerverarbeitung hilft.

Abpfiff im Estádio Mineirão. Der 90-minütige Horror für Brasilien ist beendet. Endlich, denken die Anwesenden garantiert. Es ist wieder still. Der Ton der Fernsehübertragung wird ausgeschaltet. Stattdessen dröhnt erneut die Nationalhymne Brasiliens aus den an der Decke hängenden Boxen. Trotz. Dieses Mal singen sie allerdings nicht mit. Danach setzt ein schrilles Lied aus den Charts ein. Vereinzelt springen die Barbesucher von ihren Plätzen auf – und fangen an, zu tanzen. Es scheint so, als ob sie den Schmerz der verheerenden Niederlage wegtanzen wollen.

Trotz der Halbfinal-Klatsche: Es wird bereits wieder getanzt in Brasilien.

Trotz der Halbfinal-Klatsche: Es wird bereits wieder getanzt in Brasilien.

Auch auf der belebten Hauptstraße der Ortschaft ist dieses Bild zu vernehmen. Dröhnende Musik, schwingende Hüften. Feiern. Auch in schlechten Zeiten. Eine Art brasilianische Lebenseinstellung.

In den meisten Gesichtern, in die wir schauen, sitzt der Schock jedoch noch tief. Wir können es in ihren fassungslosen Blicken erkennen.

Aber wir freuen uns natürlich immer noch.

Aber wir freuen uns natürlich immer noch.

6 Kommentare

  1. raupinho sagt

    Ein historisches Spiel im Gastgeberland. Ich hoffe der kommende Sonntag veredelt diese Erfahrung noch ein bisschen mehr!

  2. Caro sagt

    Wir konnten es auch nicht ganz fassen. Zur Halbzeitpause haben wir dann ein paar Bierdosen der Marke 5,0 in den Farben der deutschen Flagge im Schrank entdeckt und dachten uns was für ein Zufall, dass der Spielstand auf die Dose gedruckt war ;)

    • Von einer Reise

      Und obwohl wir die Brasilianer aus dem Turnier katapultiert haben, waren sie gestern wohl alle für uns. Den Argentiniern gönnen sie auf jeden Fall nicht allzu viel ;-) War das ein Spaß! Wahnsinn! Weltmeister!

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