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Findet hier in ein paar Tagen die Fußball-WM statt?

Bei weitem nicht alle Brasilianer freuen sich auf die Fußball-WM 2014 im eigenen Land. Warum das so ist? Milliarden werden für das Sportereignis, das im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit steht, unter anderem in neue oder in den Umbau von Stadien gepumpt. Benötigte Gelder für Bildung und Gesundheit bleiben aber auf der Strecke. Zudem sind die Preise – zum Beispiel für die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln – wegen der WM stark angestiegen. Auch in Rio de Janeiro. Dort sind wir, bevor der Ball rollt, auf Spurensuche gegangen, ob das WM-Fieber die Cariocas vielleicht doch (bereits) gepackt hat.      

Rio de Janeiro. Menschenmassen drängeln sich über die Bürgersteige in der Innenstadt von Rio de Janeiro. Es ist Mittagszeit. Und der Hunger treibt die Geschäftsleute in die in der Nähe der Bürotürme gelegenen Restaurants, die jetzt auf Hochbetrieb laufen. Wir reihen uns ein – und versuchen, einen Weg durch das Knäuel aus Anzügen und Kleidern zu finden, die sich vor uns kreuz und quer bewegen.

Eine Lücke tut sich auf. Durch. Endlich geschafft. Wir haben ein paar Meter Platz. Und freie Sicht. So fällt uns ein Kiosk auf, an dem wir vorbeigehen. Auf dem Dach flattern kleine Brasilienfahnen ruhig im schwachen Wind. Und der Besitzer des Ladens, der Zeitungen sortiert, trägt das gelbe Trikot der von den fußballverrückten Brasilianern verehrten Seleção, der brasilianischen Nationalmannschaft.

Stimmt, da ist doch bald etwas, denke ich, als wir den dicklichen Mann passieren. Die Fußball-WM in Brasilien geht in ein paar Tagen – am 12. Juni – los. Das Eröffnungsspiel bestreiten die gastgebenden Brasilianer gegen das Team aus Kroatien.

Posieren mit dem Maskottchen der WM 2014.

Posieren mit dem Maskottchen der WM 2014.

Rio de Janeiro – WM-Stimmung ist noch nicht auszumachen

Auch wenn über einigen Straßen Girlanden in den Nationalfarben Grün und Gelb gespannt sind und Geschäfte Brasilien-Krimskrams sowie Merchandisingprodukte der WM zum Verkauf anbieten, ist Vorfreude auf das sportliche Großereignis in der Stadt am Zuckerhut (noch) nicht zu verspüren. Und das, obwohl es den Brasilianern nicht an Heimatverbundenheit und -stolz mangelt.

Girlanden in den Nationalfarben hängen bereits im Zentrum...

Girlanden in den Nationalfarben hängen bereits im Zentrum…

... und im Stadtteil Lapa.

… und im Stadtteil Lapa.

Dies merken wir, als wir uns weiter durch die Straßen des aufregenden und wunderschönen Rio de Janeiro treiben lassen. Im Viertel Morro da Conceição steigen wir eine Treppe hinauf, auf der das brasilianische Wappen prangt. Auch auf einem hohen Haus entdecken wir die unverkennbare gelbe Raute auf grünem Grund mit blauer Himmelskugel. Ein kleiner WM-Pokal ist in diesem Gemälde sogar integriert.

Eine aufgemalte Brasilien-Flagge auf einer Treppe.

Eine aufgemalte Brasilien-Flagge auf einer Treppe.

Brasilianische Wandmalereien.

Brasilianische Wandmalereien.

Es ist mittlerweile Abend geworden, als wir auf dem Rückweg zu unserem Hostel die geschäftige Avenida Rio Branco im Finanzzentrum der Stadt überqueren. Und dort haben sich in einer Passage zahlreiche erwachsene Männer versammelt, die Klebebildchen in ihren Händen halten. Ich mische mich kurz unter die Sammler, um einen genaueren Blick auf die heißbegehrte Tauschware zu werfen. Wie ich es mir bereits gedacht hatte, sind auf den Bildern Fußballspieler zu sehen. Sofort erinnere ich mich an die Zeiten, als ich diese Sticker vor einer Fußball-WM auch noch gesammelt habe. Es ist noch gar nicht solange her, sage ich zu Daniela, als wir die Junggebliebenen hinter uns lassen.

Eine ganze Mappe voller Fußball-Klebebilder.

Eine ganze Mappe voller Fußball-Klebebilder.

Die Bildchen werden untereinander getauscht.

Die Bildchen werden untereinander getauscht.

FIFA – der Fußball-Weltverband gewinnt keinen Beliebtheitswettbewerb

Als wir weiter durch die Straßen der Metropole streifen, springen uns immer wieder Graffitis ins Auge, die kein gutes Haar an der WM lassen. Am Strand des Stadtteils Ipanema wurde zum Beispiel „FIFA GO HOME“ an einen Felsen gesprüht. In Botafogo ist an einem weißen Begrenzungsstein „FUCK FIFA“ zu lesen. Und in der Nähe der bekannten, farbenfrohen Treppenstufen, die das Viertel Lapa mit dem höher gelegenen Santa Teresa verbinden, wird auf einer Zeichnung die Fußball-WM in Brasilien thematisiert – nach Werbung, die dem Fußball-Weltverband gefallen könnte, sieht das nicht aus.

Das wird den Fußball-Weltverband nicht freuen.

Das wird den Fußball-Weltverband nicht freuen.

Auch das sicherlich nicht.

Auch das sicherlich nicht.

Eine weitere Zeichnung zur WM 2014.

Eine weitere Zeichnung zur WM 2014.

Abends sitzen wir in unserem Hostel mit zwei Brasilianern zusammen – und sprechen unter anderem über das Thema WM. Und auch hier bekommen wir das zu hören, was schon von anderen Seiten an uns herangetragen worden ist: Brasilien ist ein Land mit immensen sozialen Problemen, das Gefälle zwischen reich und arm sei trotz des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre immer noch sehr groß; zudem seien die Krankenhäuser häufig in einem schlechten Zustand, es fehle an Geldern, um sie in Schuss zu halten; des Weiteren gebe es beim Thema Bildung ebenfalls Nachholbedarf.

Doch der wunde Punkt der Brasilianer betrifft – verständlicherweise – die in der letzten Zeit gestiegenen Preise. Für Lebensmittel, für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, um zwei Beispiele zu nennen. Das bringe zahlreiche Bewohner des größten Landes Südamerikas in Schwierigkeiten, da sich deren Einkommen bzw. Einnahmen nicht entsprechend mit nach oben entwickelt haben. Es schüre daher natürlich Unmut, wenn die Leute lesen, dass Milliarden für die WM ausgegeben werden, ihre Kosten allerdings steigen, sagt einer der beiden Gesprächspartner aus São Paulo. Er ergänzt dann aber: „Wenn es für unser Nationalteam bei der WM gut laufen, vielleicht sogar der Titel herausspringen sollte, dann wird die Stimmung ganz sicher ins Positive umschlagen. Denn wir Brasilianer vergessen schnell“, so seine Einschätzung.

Maracanã – die Seele Brasiliens soll endgültig getröstet werden

Am nächsten Tag befinden wir uns in einer endlos wirkenden Straße wenige Kilometer westlich des Stadtzentrums von Rio de Janeiro. Vor uns ragt die Betonfassade des Ortes in die Höhe, wo die WM am 13. Juli entschieden wird. Das altehrwürdige Maracanã liegt vor uns.

Die Richtung stimmt.

Die Richtung stimmt.

In dem ehemals größten Stadion der Welt erlebten 200.000 Fans die Niederlage der favorisierten Brasilianer gegen Uruguay im Endspiel der WM 1950. Bis heute ein nationales Trauma. In diesem Jahr soll es anders laufen. Nach mehreren Umbaumaßnahmen finden beim Finale der WM 2014 „nur“ noch 78.000 Zuschauer – aus Sicht der Gastgeber sollten dann am liebsten die meisten gelbe Trikots tragen – Platz im weiten Rund des Estádio Mário Filho, wie es offiziell heißt.

Die Banner hängen bereits, ansonsten wird noch rund ums Stadion gearbeitet.

Die Banner hängen bereits, ansonsten wird noch rund ums Stadion gearbeitet.

Hinter hohen Zäunen wird noch rund um das Stadion gewerkelt. Die Tore sind verschlossen. Kurz vor dem Startschuss des Turniers haben Besucher keinen Zutritt. Da hilft auch ständiges Fragen bei den postierten Sicherheitskräften nichts. Kopfschütteln allerorts.

Als wir Maracanã fast einmal umrundet haben, begegnen wir einem Kerl, der den WM-Pokal mit sich herumträgt. Ein Replikat. Klar. Aber er sieht täuschend echt aus. Und nachdem ich dem Mann zwei Reais Trinkgeld überreicht habe, darf ich mit der goldenen Trophäe posieren. Ich stemme den Pokal in die Luft, deute an, ihn zu küssen. Es fühlt sich gut an, Weltmeister – für eine Minute – zu sein.

Weltmeister, für kurze Zeit.

Weltmeister, für kurze Zeit.

Der (gefälschte) WM-Pokal in meinen Händen.

Der (gefälschte) WM-Pokal in meinen Händen.

Ungern gebe ich ihm den Pokal wieder zurück, als wir uns auf dem Weg in die Innenstadt machen. Wir gehen vorbei an einem Fernsehteam von ESPN Brasil, das schon einmal einen Bericht vor dem Maracanã aufzeichnet. Und bekommen dann ein Haus zu Gesicht, dessen Balkone bereits für die WM vorbereitet wurden. Die Brasilien-Flagge ist gehisst, ein gelb-grüner Fußball baumelt von der Decke.

Ein Fernsehteam ist bereits da.

Ein Fernsehteam ist bereits da.

Hier wurde schon ein wenig für die WM dekoriert.

Hier wurde schon ein wenig für die WM dekoriert.

Ein Hauch von WM-Vorfreude weht also doch bereits vor dem ersten Spiel um das Maracanã. Auch wenn es bis jetzt nur ein laues Lüftchen ist.

2 Kommentare

  1. Caro sagt

    Vielen Dank für die Karte und die Glückwünsche, auch wenn etwas verfrüht (hatte sie schon vor einer Woche im Briefkasten)! :)
    Viel Spaß im Stadion beim Fußballschauen!!!

    • Von einer Reise

      Ich konnte nicht einschätzen, wie schnell bzw. langsam die bolivianische Post ist, aber schön, dass es geklappt hat. Die eigentlichen Grüße gibt es dann am Montag. Und: Den werden wir ganz bestimmt haben. Drücker.

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