Brasilien, Reisegeschichten, Reisegeschichten Amerika
Kommentare 4

Wir sind im Stadion – es hilft aber nicht

Das zweite WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft verfolgen wir live im Estadio Castelão. Am Ende springt zwar leider kein Sieg für Deutschland heraus, der Tag in Fortaleza ist allerdings trotzdem ein faszinierendes Erlebnis.

Fortaleza. Die Kneipen rund ums Estadio Castelão in Fortaleza sind knapp über zwei Stunden vor dem Anpfiff der WM-Partie Deutschland gegen Ghana gut gefüllt. Weiße Trikots dominieren das Bild, das sich uns hier bietet. Deutschland-Fahnen sind gehisst. Die Fans stehen auf der Straße und trinken Bier in der Sonne. Nebenbei läuft auf einem der Fernseher das Spiel Iran gegen Argentinien, in dem sich die favorisierten Südamerikaner sichtlich schwer tun. Die Stimmung ist gelöst. Es ist den Fans aus Deutschland anzumerken, dass das Auftaktspiel der DFB-Elf souverän 4:0 gegen Portugal gewonnen werden konnte.

Deutsche Fans vor der Partie.

Deutsche Fans vor der Partie.

Viele schauen sich das Spiel Argentinien gegen Iran im TV an.

Viele schauen sich das Spiel Argentinien gegen Iran im TV an.

Wir kommen mit einigen Anhängern der deutschen Nationalmannschaft ins Gespräch. Und es stellt sich heraus, dass viele davon gar nicht aus Deutschland sind bzw. nicht in Deutschland leben. Unter anderem treffen wir einen Vater mit seinen zwei erwachsenen Söhnen aus Los Angeles, USA. Seine Mutter stamme aus Hamburg, erzählt mir der freundliche Mann in seinem amerikanischen Akzent. So habe sich eine Verbundenheit zum deutschen Team um Lahm, Müller, Hummels & Co. entwickelt, dessen Spiele sie bei Turnieren möglichst auch live im Stadion verfolgen.

Ein gut gekühltes Bier vor dem Spiel muss sein.

Ein gut gekühltes Bier vor dem Spiel muss sein.

Ich war es nicht...

Ich war es nicht…

Immer mehr Anhänger der deutschen Nationalmannschaft kommen am Stadion an.

Immer mehr Anhänger der deutschen Nationalmannschaft kommen am Stadion an.

Einige auch aus Lüneburg.

Einige auch aus Lüneburg.

Und der hier hat schon einmal den kleinen WM-Pokal mitgebracht.

Und der hier hat schon einmal den kleinen WM-Pokal mitgebracht.

Gibt es die Sendung "ran" eigentlich noch?

Gibt es die Sendung „ran“ eigentlich noch?

Ähnlich sieht die Situation bei Ernesto aus. Er sei in Nicaragua geboren worden, wohne in Guatemala, seine Familie komme aber ursprünglich aus Schleswig-Holstein, berichtet er uns. Bei jeder WM oder EM ist er vor Ort. Er komme immer an Tickets, erzählt der sympathische Besitzer einer Agentur für Tauchreisen weiter. Auch für seine Frau und einen Freund von ihm, die auch bei der WM in Brasilien dabei sind. Ob er Nicaragua oder Guatemala in Sachen Fußball ebenfalls unterstütze, frage ich ihn. Nein, die spielen zu schlecht, sagt er und ergänzt: „Wir sind ausschließlich Fans von der deutschen Nationalmannschaft.“ Dies ist schon rein optisch unschwer zu erkennen, schließlich hat er nicht nur ein Trikot der Nationalelf an, sondern trägt auch eine schwarz-rot-gold-gestreifte Brille. Seine Frau, die aus Texas, USA, ist, steht ihm diesbezüglich in nichts nach. Sie hat sich in ein Kleid in Deutschland-Farben geworfen.

Zwei verrückte Fans.

Zwei verrückte Fans.

Das Stadion in Fortaleza.

Das Stadion in Fortaleza.

Mit mir davor.

Mit mir davor.

Interessante, bunte Fußball-Welt, denken wir, als wir die letzten Treppenstufen zum Castelão hochsteigen. Eine kurze, entspannte Einlasskontrolle später sind wir in der rund 64.000 Zuschauer fassenden Arena. Es kann losgehen.

Auf dem Weg ins Innere des Stadions.

Auf dem Weg ins Innere des Stadions.

Der Stadionvorplatz ist bereits gut gefüllt.

Der Stadionvorplatz ist bereits gut gefüllt.

1. Halbzeit: Auf den Rängen passiert mehr als auf dem Platz

Unsere Plätze befinden sich im oberen Rang der Kurve, die den Fans aus Deutschland zugeteilt wurde. Die Sicht auf das Spielfeld ist aber trotzdem hervorragend. Erst einmal hole ich mir ein Bier. Die Getränkepreise im Stadion sind überteuert, aber nicht ganz so schlimm, wie ich es mir vorher vorgestellt habe. Nachdem ich das kühle, alkoholhaltige Getränk entgegengenommen habe, stehe ich wieder auf der Tribüne. Die Spieler laufen sich mittlerweile warm. Die Stimmung im deutschen Block nimmt zum ersten Mal Fahrt auf.

Gute Sicht von unseren Plätzen.

Gute Sicht von unseren Plätzen.

Das Stadion füllt sich.

Das Stadion füllt sich.

Die Hymnen werden gespielt.

Die Hymnen werden gespielt.

Dann ist Anstoß. Wir bemerken, dass das Stadion nicht ausverkauft ist. In der gegenüberliegenden Kurve klafft ein großes, zuschauerfreies Loch. Schade. Hatte die FIFA nicht vor der WM angekündigt, in einem solchen Fall brasilianischen Fußball-Fans die noch vorhandenen Tickets zu einem sehr günstigen Preis anbieten zu wollen? Wohl doch nicht.

Der Fußball-Weltverband zieht wenige Minuten später auch den Zorn der Fans aus Deutschland auf sich. Ordnungshüter entfernen mehrere Banner der deutschen Anhänger, die über die Begrenzung zum Unterrang hängen. Es kommt zu kleineren Handgemengen. Neue Freunde hat sich die FIFA auch mit dieser Aktion nicht gemacht. Mal wieder. „FIFA raus“ hallt minutenlang durch das Stadion.

Hier hängen die Banner noch.

Hier hängen die Banner noch.

Das Spiel plätschert derweil so dahin. Ghana ist der erwartet unangenehme und schwere Gegner. Die Offensivreihe der deutschen Nationalmannschaft beißt sich die Zähne an der kompakten Defensive der Westafrikaner aus. Anfeuerung durch das weitgereiste Publikum gibt es trotzdem, und das reichlich, auch wenn die Sprechchöre, wie es von Länderspielen bekannt ist, eintönig sind. Der Klassiker „Deutschland, Deutschland“ ist lautstark zu hören. Auch „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“ fehlt nicht.

Wenn die Deutschen auf der Tribüne eine stimmliche Pause einlegen, machen sich die Brasilianer bemerkbar. Der brasilianische Gassenhauer dieser WM-Tage schallt aus tausenden Kehlen: Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor. Die Seleção tritt zwar heute nicht gegen den Ball, die Brasilianer feiern sich aber trotzdem selber.

Auf dem Spielfeld passiert bis zum Halbzeitpfiff nichts Aufregendes mehr. Es geht mit 0:0 in die Pause. Der deutsche Anhang lässt sich die Laune von diesem mageren Ergebnis nicht verderben. Die Spieler mit dem Adler auf der Brust werden mit Applaus aus der Kurve in die Kabine geschickt.

2. Halbzeit: Ein Auf und Ab ohne siegreichen Ausgang

Es sind erst ein paar Minuten in der zweiten Hälfte gespielt, da springt der Ball Götze an den Kopf, der diesen gegen sein Schienbein bugsiert, von dem die Kugel ins Tor fällt. 1:0 für Deutschland. Etwas kurios. Und aus dem Nichts. Geschenkt, die deutschen Fans feiern.

Deutschland führt.

Deutschland führt.

Der hat die Führung aber nicht erzielt.

Der hat es aber nicht erzielt.

Die Feierstimmung hält aber nicht lange an. Ghana kommt zurück – und dreht die Partie innerhalb kurzer Zeit. 1:2. Rückstand. Die anwesenden brasilianischen Fußball-Fans entdecken ihr Herz für den Außenseiter aus Afrika. Oder freuen sie sich, wenn der vermeintliche Mitfavorit Deutschland stolpern sollte? Ghana-Rufe werden angestimmt.

Es wird auch unruhiger in der Deutschland-Kurve. Erste Beschimpfungen machen die Runde. Vor allem mit der Leistung von Khedira sind viele Zuschauer nicht einverstanden. Der Spieler von Real Madrid ist nach überstandenem Kreuzbandriss noch nicht hundertprozentig fit. Das sieht jeder, nur nicht Joachim Löw, der den Mittelfeldakteur auch im zweiten Spiel in die Startelf beordert hat.

In der 69. Spielminute revidiert der Bundestrainer seine Entscheidung. Der Münchner Schweinsteiger wird für Khedira eingewechselt. Auch Stürmer Klose kommt aufs Feld. Belebende Einwechslungen, wie sich wenig später herausstellt. Schweinsteiger holt einen Eckball heraus, den Klose schließlich mit seinem 15. Tor bei einer Fußball-WM zum 2:2-Ausgleich vollendet. Die Kurve ist aus dem Häuschen. Die Anfeuerungsrufe werden wieder enthusiastischer.

Beide Teams schenken sich nichts.

Beide Teams schenken sich nichts.

Die Schlussphase des spannenden Spiels hat es ebenfalls in sich. Sowohl die deutsche Elf als auch das Team aus Ghana spielen weiterhin nach vorne. Auf beiden Seiten ergeben sich zusätzliche Chancen, die jedoch nicht genutzt werden können. So endet die Partie leistungsgerecht 2:2-Unentschieden. Sicherlich ist dies nicht das Resultat, das sich die Anhänger der deutschen Nationalmannschaft vorher gewünscht und vorgestellt haben. Auch wir haben natürlich auf einen Sieg Deutschlands gehofft – vergeblich, wie sich mittlerweile herausgestellt hat.

Trotzdem weicht die Enttäuschung schnell. Die Spieler lassen sich nach dem Abpfiff kurz vor der Kurve blicken. Noch einmal Sprechchöre. Noch einmal klatschen die deutschen Fans in die Hände. Dann leert sich das Stadion langsam. Auch wir machen uns auf. Nicht unzufrieden, schließlich war das Spiel ein faszinierendes Erlebnis. Auch ohne Sieg der deutschen Elf.

Trotzdem zufrieden - und Ghana hat sich den Punkt einfach verdient.

Trotzdem zufrieden – und Ghana hat sich den Punkt einfach verdient.

4 Kommentare

  1. Dennis sagt

    …mit euch live vor Ort im Stadion war ein Sieg fest eingeplant, Ihr Lieben! Schade…
    Deine ‚alten‘ Kumpels aus Wachtberg haben genau diesen Tag genutzt, um mit Timmi seinen JGA zu feiern – hier hätten eure Ohren klingeln müssen, denn Gesprächsthema wart ihr häufig genug ;-)

    LG + weiterhin eine tolle, aufregende Zeit,
    Dennis

    • Von einer Reise

      Ja, sehr schade. Und ich wäre natürlich vor allem an diesem Tag auch gerne bei meinen besten Freunden gewesen. Aber wenn Ihr immer mal über uns gesprochen habt, war ich das ja irgendwie auch :-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.