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Chiles Geisterstädte: Ein Hauch vom Wilden Westen

Humberstone im Vorder-, Santa Laura im Hintergrund.

Der Abbau des Nitrats Salpeter war bis in die späten 1950er Jahre ein wichtiger Bestandteil der chilenischen Industrie. Rund um die Salpeterwerke Humberstone und Santa Laura entwickelte sich so florierendes Leben. Heute ziehen die mittlerweile verlassenen Geisterstädte Touristen an, die das Leben der Arbeiter und ihrer Familien in der Atacamawüste nachempfinden möchten. Auch wir haben uns auf Spurensuche im Staub begeben – und festgestellt, dass Humberstone und Santa Laura kleine, abgeschottete Welten für sich gewesen sein mussten, die jetzt vor allem Wild-West-Charme versprühen.

Humberstone/Santa Laura. Die vor uns liegende Szenerie könnte auch aus einem alten Italo-Western von Sergio Leone stammen. Staubige Straßen führen durch die verlassene Stadt. Links und rechts von uns stehen alte, einfach gebaute Häuser. Die Sonne knallt unerbittlich vom fast wolkenlosen Himmel. Auf dem Hauptplatz des Städtchens setzen sich ein paar karge Bäume gegen die Trockenheit zur Wehr. Jetzt fehlt nur noch, dass bewaffnete, hartgesottene Cowboys auf ihren schnaufenden Gäulen antraben und sich eine wüste Schießerei mit blutigem Ausgang liefern. Whiskey für die Schusssicheren, maßgefertigte Särge für den Rest.

Haus an Haus: Die Bewohner hatten nicht viel Platz.

Haus an Haus: Die Bewohner hatten nicht viel Platz.

Humberstone – die (heute verlassene) Stadt des Nitrats

Vor Pistolenkugeln müssen wir uns in der chilenischen Geisterstadt Humberstone, die 50 Kilometer östlich von der Küstenstadt Iquique liegt, jedoch nicht in Acht nehmen. Schießwütige Cowboys gibt es dort nämlich sowohl heutzutage als auch zu Zeiten, als die Stadt noch bewohnt war, keine.

Eine kurze Pause.

Eine kurze Pause.

1872 wurde Humberstone – ursprünglich La Palma genannt – mitten in der Wüste errichtet. Und dies aus einem bestimmten Grund: In der Stadt des Nitrats wurde in großen Mengen Salpeter abgebaut. Arbeiter schwitzten also nicht nur aufgrund der ständig scheinenden Sonne, sondern auch weil sie Schwerstarbeit an glühend-heißen Hochöfen verrichten mussten. In den Jahren von 1933 bis 1940 erreichte Humberstone den Höhepunkt des Wachstums – 3.700 Bewohner zählte die Stadt damals.

Im Haus in der Mitte wohnte der damalige Chef des Salpeterwerks.

Im Haus in der Mitte wohnte der damalige Chef des Salpeterwerks.

Humberstone, wie es heute aussieht.

Humberstone, wie es heute aussieht.

Warten: Der Bus ist etwas spät dran.

Warten: Der Bus ist etwas spät dran.

Einer der beiden großen Plätze in Humberstone.

Einer der beiden großen Plätze in Humberstone.

Denn die Angestellten arbeiteten nicht nur, sondern wohnten auch hier. Um den Arbeitern und ihren Familien ein wenig Abwechslung in ihrem harten Alltag zu ermöglichen, baute das verantwortliche Unternehmen die Stadt nach und nach aus. Neben den zweckmäßigen Unterkünften gab es unter anderem auch einen Fußball- und einen Tennisplatz. Auf einem Basketballfeld konnten die Bewohner ein paar Körbe werfen. Auch das Kulturprogramm kam nicht zu kurz: In einem Theater mit 300 Sitzplätzen fanden regelmäßig Veranstaltungen statt. Nach Show und Tanz ging es dann auf einen Absacker in die Bar des daneben liegenden Hotels. Rund um den Plaza siedelten sich zusätzlich Geschäfte an, in denen die Bewohner neben Lebensmitteln beispielsweise auch Kleidung kaufen konnten. Eine Kirche für die Gläubigen und eine Schule für die Kinder waren ebenfalls vorhanden.

Spiel, Satz, Sieg: Hier wurde mal Tennis gespielt.

Spiel, Satz, Sieg: Hier wurde mal Tennis gespielt.

Das Theater in Humberstone bot 300 Besuchern Platz.

Das Theater in Humberstone bot 300 Besuchern Platz.

Das damalige Hotel mit Bar.

Das damalige Hotel mit Bar.

Der Hauptplatz, hier herrschte mal geschäftiges Treiben.

Der Hauptplatz, hier herrschte mal geschäftiges Treiben.

1959 kam jedoch das Ende, das sich bereits in den 1930er Jahren abzeichnete, als der Salpetermarkt mehr und mehr zusammenbrach. Humberstone wurde schließlich geschlossen. Der Salpeterabbau war nicht mehr wichtig. Die Arbeiter und ihre Familien verließen die aus dem sandigen Wüstenboden gestampfte Stadt, die dadurch zur Geisterstadt mutierte. Humberstone – 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt – hat mittlerweile eine andere Bedeutung. Und zwar eine touristische. Zahlreiche der verfallenen Häuser wurden auf Vordermann gebracht und den damaligen Zeiten nachempfunden. Auch die alten Industrieanlagen können nun besichtigt werden – zumindest das, was davon noch übrig geblieben ist.

Der Charme der Geisterstadt packt uns sofort, als wir die ersten Schritte auf den verlassenen Straßen machen. Besonders die Aussicht von einer Erhebung hinter der Stadt auf die Humberstone-Überreste verdeutlicht uns, dass dies eine kleine, abgeschottete Welt für sich gewesen sein muss. Schließlich ist weit und breit um die Anlage herum ausschließlich Sand zu sehen. Oder was ist das dahinten? In einigen Kilometern Entfernung erblicken wir ein weiteres ehemaliges Salpeterwerk. Santa Laura, so ist der Name.

Der Blick von oben auf Humberstone.

Der Blick von oben auf Humberstone.

Die Frisur hält nicht: ganz schön windig hier oben.

Die Frisur hält nicht: ganz schön windig hier oben.

Die noch übrig gebliebenen Industrieanlagen in Humberstone.

Die noch übrig gebliebenen Industrieanlagen in Humberstone.

Santa Laura – arbeiten und leben in der Wüste Teil zwei

Zu Fuß machen wir uns auf den Weg nach Santa Laura. Brütende Hitze begleitet uns auf Schritt und Tritt. Bereits aus der Ferne erkennen wir ein riesiges Gebäude, das wie ein Raumschiff aussieht (okay, wie ein ziemlich ramponiertes, heruntergekommenes Raumschiff). Bei näherer Betrachtung wird uns klar, dass es sich hierbei um das ehemalige Herzstück der Salpeterabbaustätte Santa Laura handelt, dessen verrosteter Schornstein auch heute noch kerzengerade steht.

Außerirdisch: das Herzstück des Werks Santa Laura.

Außerirdisch: das Herzstück des Werks Santa Laura.

Wir werfen einen Blick hinter die dem Zerfall ausgelieferten Industrieanlagen von Santa Laura – und sehen dort fast nur brachliegendes Land mit zahllosen verstreuten Holzplanken. Ein Trümmerfeld. Als wäre ein Tornado über die Häuser Santa Lauras erbarmungslos hinweggefegt und hätte alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit sich gerissen.

Das heutige Trümmerfeld von Santa Laura.

Das heutige Trümmerfeld von Santa Laura.

Zu Hochzeiten haben in Santa Laura knapp 500 Menschen gelebt. Kein Vergleich zu dem größeren Nachbarn Humberstone. Trotzdem war auch dieses Salpeterwerk ein wichtiger Arbeitgeber in dieser kargen, trockenen Region, die zur Atacamawüste gehört.

Und auch in den Überresten dieser Kleinstadt ist der Aufstieg und Fall der Nitrat-Industrie in Chile deutlich nachzuempfinden. Dies ist uns klar, als wir die Tore von Santa Laura hinter uns lassen und mit verstaubten Schuhen und Klamotten in ein Colectivo mit dem Ziel Iquique steigen.

8 Kommentare

  1. renecorina sagt

    Karte ist heut angekommen…Dankeschön für die Glückwünsche, auch wenn’s ein wenig voreilig erscheint. Wir sind grad wie Teenager, feiern bis zum Morgengrauen und Mittag frühstücken…So ist’s wenn die Kinder bei Oma leben. Nitsrek ist bisschen sauer oder traurig, weil keiner zum Geburtstag kommt. Dafür pflastert Pedro den Garten…schön weiterreisen bis zum nächsten mal!

    • Von einer Reise

      Gerne. Du kannst die Karte ja am 3.5. nochmal lesen, dann passen die Glückwünsche auch zeitlich. Bei der peruanischen Post weiß man ja nie. Dann viel Spaß beim Feiern ;-)

  2. Daniel A. sagt

    Top Berichte bekommt man hier zu lesen….sehr cool geschrieben…
    Weiterhin viel spass euch beiden…
    Gruß von der A9 in Richtung München.
    La bestia negra….

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