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Betondschungel

Bei einer Wahl zur schönsten Stadt der Welt hätte Bogotá wohl keine Chance, auf den vorderen Plätzen zu landen. Trotzdem: Kolumbiens Hauptstadt wird uns wegen ihrer schäbig-historisch-verspielten Mischung in guter Erinnerung bleiben. Ein Streifzug durch das grau-bunte Bogotá aus Beton.

Bogotá. Hochhäuser in Bogotá. Viele davon erinnern an ostdeutschen Plattenbau. Eckig. Grau. Trist. Heruntergekommen. Nichts für „Architektur-Feinschmecker“.

Uns ziehen diese vermeintlichen Bausünden jedoch an. Wir bleiben davor stehen. Blicken von unten nach oben und von oben nach unten. Immer das gleiche Bild. Und doch ist es so eindringlich.


In Bogotá werden Häuser nicht nur gen Himmel gebaut, damit dort die ärmeren Bevölkerungsschichten eine Bleibe finden. Es gibt in der Innenstadt auch die verglasten Türme des Geldes.

Büros. Büros. Büros. Schick angezogene Angestellte hasten aus den Türen dieser hohen Gebäude. Hinein und hinaus. In Eile. Zeit ist schließlich Geld.

Die Steinskulpturen, die wir in der Nähe der Bankentürme entdecken, haben es ganz und gar nicht eilig. Sie verharren logischerweise in ihrer Position.

Nicht so die Breakdancer, die wir ein paar Blocks weiter im Betondschungel der Großstadt bei ihren akrobatischen und athletischen Tanzeinlagen beobachten. Ob Footworks, Freezes oder Powermoves – die Straßentänzer von Bogotá verstehen ihr Handwerk.

Talentiert sind auch die nächsten Künstler, die uns auf der verkehrsberuhigten Straße zu Gesicht kommen. Street Art, für die Bogotá bekannt ist (siehe Bogotá: Hauptstadt der Graffiti), der anderen Art. Statt Sprühdose greifen sie zur Kreide, um den Asphalt kunstvoll zu gestalten.

Wenige Meter weiter ertönen Klänge. Gitarren. Ein Schlagzeug. Passanten hören zu, werfen nach jedem Lied ein paar Groschen in die Sammeltasche, halten ein Schwätzchen mit den Musikern. Rock’n’Roll. Auch im Salsa-Land Kolumbien.

Ganz ohne Musik geht es bei den Schachspielern zu, die mit Bedacht ihre Figuren verschieben. Unter den kritischen Blicken von Zuschauern, die enggedrängt immer näher an die Tische heranrücken – so, als ob sie am liebsten selbst den nächsten Spielzug machen würden.

Wir verlassen die Fußgängerzone und biegen in die engen Gassen der kolumbianischen Hauptstadt ab. Vorbei an bunt angestrichenen, schmalen Häusern, die eben auch zu Bogotá gehören. Nicht alles ist groß, nicht alles ist grau. Kleine Farbkleckse, die herausstechen, die sofort auffallen.

Nun passieren wir zwei wuchtige Kirchen. Die erste ist gestreift. In Rot und Weiß. Gotischer Baustil. Die Kirche heißt Nuestra Señora del Carmen. Die zweite kommt etwas langweiliger daher. In schlichtes Gelb ist sie gehüllt. Ihren Namen kennen wir nicht.

Tief im historischen Kern der Stadt befindet sich der weite Plaza de Bolívar. Unsere Blicke fallen zuerst auf das Capitolio Nacional, wo der Kongress der Republik Kolumbien tagt. Dann wäre da noch die Catedral Primada de Colombia. Es ist die größte Kathedrale in Kolumbien – und eine der größten in ganz Südamerika. Ich stelle mich vor das Gotteshaus – zwischen die anderen Touristen und die Tauben –, Daniela knipst Fotos.

Wir steigen in eine Seilbahn, die uns auf den über 3.000 Meter hohen Berg Monserrate befördert. Hier auf dem Gipfel ist es grün. Und die Luft ist klar. Kontrastprogramm zum „verqualmten“ Bogotá, das wir aus der Entfernung betrachten. Ein Meer aus Häusern. Jetzt scheint es unendlich weit weg.

Als wir wieder planlos durch die zugeteerte Innenstadt laufen, hat die Nacht ihren dunklen Umhang über Bogotá geworfen. Durchzogen von grellen Neonlichtern. Big city lights.

Die Lichter springen uns noch stärker ins Auge, nachdem wir mit einem mit Menschen vollgestopften Aufzug auf die Aussichtsplattform eines Hochhauses gedüst sind. Eins, zwei, drei, 15, 30, 45. Rasant. Wir wissen nicht, in welchem Stockwerk wir das Gedränge verlassen.

Da breitet sich Bogotá unter uns aus. Ein Biest in Leuchtfetzen. Wir sind froh, hier zu sein. Im Betondschungel der Großstadt.

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