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Gefangen im Paradies

Litte Corn Island bietet Karibikfeeling im Überfluss. Auf der kleinen Insel vor Nicaragua warten weiße Strände, türkisblaues Wasser, ein paar kleine Bars sowie entspannte Inselbewohner auf die Besucher. Alles ist schön. Doch manchmal zieht ein karibischer Sturm über die Insel. Und dann ist auch Tage danach kein „Entkommen“ von Little Corn Island, da der Schiffsverkehr ausgesetzt wird. So mussten wir drei Tage länger im Paradies bleiben, als wir es eigentlich geplant hatten. Gut, es gibt Schlimmeres.    

Um mit unseren Füßen über den feinen Karibiksand laufen zu können, müssen wir erst einmal in ein kleines Flugzeug am Flughafen von Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, steigen. Der Flieger landet jedoch nicht auf Little, sondern auf Big Corn Island, der größeren Nachbarinsel, die für die meisten Reisenden allerdings nur ein Zwischenstopp ist. Auch wir begeben uns unmittelbar nach der Landung zum Hafen, um uns von einem Schiff nach Little Corn Island bringen zu lassen.

Das Touristenboot, auf das wir gehofft hatten, liegt aber nicht vor Anker. Und so steigen wir auf ein Transportschiff, das auch Passagiere für ein paar Dollar mitnimmt. Doch die Abfahrt verzögert sich. Schließlich muss das Schiff erst komplett beladen werden. Brüchige Eier, tiefgefrorene Hühnchen und große Gasflaschen, um nur einige Beispiele zu nennen. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzt sich das Schiff doch noch tuckernd in Bewegung und liefert uns anderthalb Stunden später auf Little Corn Island ab.

Vom Pier gehen wir ans nördliche Ende der Insel, wo sich unsere Unterkunft inmitten des Dschungels befindet. Einige Bambushütten stehen dort in der Nähe des Meeres. Als wir ankommen, setzt starker Regen ein. Es wird dunkel – und wir freuen uns auf den kommenden Tag.

Erst Sonne, dann kommt der Wind

Als wir morgens aufstehen, strahlt uns die Sonne entgegen. Die zwei Hunde des Besitzers unserer Unterkunft rennen durch den Palmenwald. Wir machen uns auf den rund zwanzigminütigen Weg ins kleine Dorf am Pier. Wir laufen durch dichten Dschungel, dann geht es über ein Baseballfeld, dessen Rasen mal wieder gemäht werden müsste, im Anschluss daran spazieren wir durch ein Wohngebiet. Kleine Häuser stehen am Wegesrand.

Im Dorf, an der Westseite der Insel, gehen wir erst einmal frühstücken. Wir kommen mit dem Besitzer des winzigen Cafés ins Gespräch. Nach ein paar Minuten Small-Talk kommt er zu Sache und erzählt uns, dass ein Sturm im Anmarsch ist. Heute Abend soll er bereits Little Corn Island erreichen. „Und wo ist eigentlich Euer Hotel?“ Wir berichten, dass es an der Nordseite der Insel liegt. „Dann macht Euch auf etwas gefasst. Dort ist es sowieso schon immer recht windig.“

Aber noch genießen wir die Ruhe vor dem Sturm: Denn das Wetter ist an diesem Tag wunderschön. Wir umrunden die Insel und entspannen an den schmalen, aber traumhaften Stränden.

Der Sturm fegt über die Insel   

Der Wind kommt auf, als wir uns abends auf dem Weg zurück zur Unterkunft machen. Die Nacht wird unruhig, eigentlich machen wir kein Auge zu. Der Sturm fällt über die Insel her – und es fühlt sich so an, als ob unser Baumhaus, das eigentlich massiv gebaut ist, jeden Moment wegfliegen würde. Ab und zu werfen wir einen flüchtigen Blick nach draußen, Kokosnüsse krachen zu Boden, die Palmen nehmen unfreiwillig eine gekrümmte Haltung ein.

Eine fast endlose Nacht endet schließlich doch. Am nächsten Morgen das gleiche Bild. Der Sturm hat nicht nachgelassen – insgesamt dauert er rund anderthalb Tage.

Zahlreiche Bäume haben den Sturm nicht überstanden. Auf den schmalen Wegen der Insel müssen wir immer wieder über heruntergestürzte Äste klettern. Die Inselbewohner machen sich umgehend an die Aufräumarbeiten.

Wo sind die Schiffe?

Nach vier Tagen müssen wir abreisen. Unser Flug von Big Corn Island zurück nach Managua steht an. Somit schlagen wir morgens gegen sechs Uhr am Pier auf, um das Boot auf die Nachbarinsel zu erwischen. Den Plan verfolgen noch viele weitere Touristen.

Doch kein Schiff weit und breit. Auch die Marine-Soldaten, die ein kleines Büro am Pier haben, sind nicht zu sehen. Ich spreche einen der Einheimischen an, der an uns vorbeigeht. Er glaube nicht, dass heute ein Boot aufbrechen werde. Kurz nach einem Sturm werde der Schiffsverkehr zwischen den beiden Inseln häufig eingestellt.

Minute um Minute, Stunde um Stunde. Die Zeit vergeht, ohne dass es eine klare Aussage von einem Verantwortlichen gibt. Irgendwann erscheinen die Soldaten. Sie erzählen uns, dass sie auf eine Genehmigung der Regierung aus Managua warten – und bis diese nicht vorliegt, verlässt kein Schiff den Hafen. Wir hören von anderen Reisenden, dass es wohl strenge Vorschriften gibt, seitdem vor einiger Zeit mehrere Touristen ertrunken sind, nachdem ein Boot in rauer See gekentert ist.

Nach ein paar Stunden wird es uns zu bunt, wir haben keine Lust mehr zu warten und machen uns auf die Suche nach einer Unterkunft für eine weitere Nacht auf Little Corn Island.

Gruppentreffen am Pier

Der nächste Tag läuft so ab wie der Vortag. Die Touristen, die die Insel verlassen möchten, versammeln sich am frühen Morgen am Pier. Einige von ihnen kennen wir bereits mit Namen. Da ist zum Beispiel John aus Kanada, ein ehemaliger Eishockeyspieler, der vor langer Zeit auch mal in Deutschland unter Vertrag stand. Oder Dimitri und Tania, ein Pärchen aus Griechenland, das uns auf Anhieb sympathisch ist.

Einige der Wartenden sind mittlerweile nervös. Und das nicht unbegründet. Denn durch die Verzögerung verpassen rund zehn Personen, die wir auf Little Corn Island kennengelernt haben, ihre internationalen Flüge.

Auch an diesem Tag legt kein Schiff ab. Wir checken erneut im Hotel ein.

Die „Gefangenschaft“ endet

Und täglich grüßt das Murmeltier. Um sechs Uhr morgens schlürfen wir zum Hafen. Das Warten beginnt auf ein Neues. Doch dieses Mal mit einem besseren Ausgang. Gegen acht Uhr erfahren wir, dass sich heute ein Schiff auf den Weg nach  Big Corn Island machen wird.

Wenig später werden die Tickets verkauft. 20 US-Dollar pro Person. Der Normalpreis liegt bei 1,50 US-Dollar. Doch niemand stellt Fragen oder beschwert sich. Die Scheine werden auf den klapprigen Tisch am Pier gelegt.

Gegen 9 Uhr tuckert das Schiff los. Wir blicken zurück, Little Corn Island erstrahlt im Sonnenschein. Es war eigentlich sehr schön, im Paradies gefangen zu sein.

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