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Wackliger Christus, waghalsige Sprünge, skeptische Kinder

Mehrere Tage sind wir im Valle Sagrado in der Nähe von Cusco zu Gast bei Freunden, die Daniela noch aus ihrer Zeit in Urubamba kennt. So gibt es für uns rund um Ostern im „heiligen Tal“ viel zu tun: Wir nehmen an einer fast nicht enden wollenden Prozession teil, bestaunen die waghalsigen Sprünge von mutigen Mountainbikern und versuchen skeptische Kinder aus einem abgelegenen Andendorf davon zu überzeugen, ihre kariesbefallenen Beißer von einem deutschen Zahnarzt behandeln zu lassen.  

Valle Sagrado. Die Semana Santa vor Ostern wird von den meisten Peruanern in aller Ausführlichkeit zelebriert. Das ist uns spätestens bewusst, seitdem wir an einem der Abende dieser heiligen Woche mit einer befreundeten Familie in Urubamba – Daniela hat in der im Valle Sagrado liegenden Stadt eineinhalb Jahre gelebt und dort noch zahlreiche Freunde – an einer Prozession teilgenommen haben.

Bereits der 15 Minuten dauernde Marsch vom Haus der Familie zur Kirche in Urubamba ist etwas Besonderes. Die Familienmitglieder gehen voller Stolz vorne weg – und eine für diese Feierlichkeit gebuchte Musikkapelle hinterher. Die Musiker schlagen auf Trommeln und pusten in Trompeten, als ob es kein Morgen geben würde. Schaulustige versammeln sich an der Straße – und staunen nicht schlecht, als sie die kleine Karawane, in deren Mitte wir uns befinden, zu Gesicht und zu Ohren bekommen. Kinder laufen nebenher, bis wir das Gotteshaus erreichen, in dem eine bis auf den letzten Platz gefüllte Messe abgehalten wird.

Im Anschluss daran startet die eigentliche Prozession. Sechs Männer legen eine Christusstatue auf ihre Schultern – und tragen diese durch die schmalen Gassen von Urubamba. Sie schwanken dabei, um den Gang von Jesus Christus am Kreuz zu versinnbildlichen. Hunderte Gläubige folgen dicht dahinter. Sie halten angezündete Kerzen. Kleine Lichter flackern in der Dunkelheit auf. Fast vier geschlagene Stunden dauert es, bis die Menschentraube wieder am Plaza und somit auch an der Kirche angekommen ist. Damit haben wir nicht gerechnet. Unsere Füße tun weh, als wir endlich zurück in den vier Wänden unserer Gastgeber sind.

Downhill-Mountainbiker zeigen waghalsige Sprünge

Am darauffolgenden Tag lassen wir lieber andere Sport treiben. Wagemutige Mountainbike-Fahrer stürzen sich nämlich mit ihren gut gefederten Zweirädern eine staubige und buckelige Piste in der Nähe von Urubamba in einem höllischen Tempo in die Tiefe. Am Ende der Rennstrecke heben sie sogar dank drei großer Schanzen mit waghalsigen Sprüngen ab. Dabei vollführen sie spektakuläre Tricks, die die zahlreichen Zuschauer schier in Begeisterung versetzen.

Das letzte Stück der anspruchsvollen Downhill-Strecke.

Das letzte Stück der anspruchsvollen Downhill-Strecke.

Einer der mutigen Fahrer.

Einer der mutigen Fahrer.

Die Mountainbiker zeigen spektakuläre Sprünge und Tricks.

Die Mountainbiker zeigen spektakuläre Sprünge und Tricks.

Vor allem als Filip „Polcster“ Polc in Rekordzeit unterwegs ist, sind wild durcheinander gerufene Anfeuerungs- und Jubelschreie zu vernehmen. Unterbrochen werden diese nur von einem kurzen, andächtigen Schweigen, als der vorab bereits favorisierte und später auch siegreiche Fahrer aus der Slowakei mit seinem rollenden Untersatz förmlich für einige Sekunden meterhoch in der Luft steht und danach sicher und unbeschadet wieder auf dem trockenen Boden landet.

Eine der Sprungschanzen aus Holz.

Eine der Sprungschanzen aus Holz.

Die Zuschauer staunen über den Mut der Fahrer.

Die Zuschauer staunen über den Mut der Fahrer.

Eine Nahaufnahme nach dem Absprung.

Eine Nahaufnahme nach dem Absprung.

Und hier kurz vor dem Verlassen der Schanze.

Und hier kurz vor dem Verlassen der Schanze.

Anderen Teilnehmern gelingt dies teilweise leider nicht ganz so gut. So gehören halsbrecherisch anmutende Stürze ebenfalls zu der Veranstaltung, die unter anderem von dem nach aufgelösten Gummibärchen schmeckenden Getränk gesponsert wird, das angeblich Flügel verleihen soll. Ein in Rot gekleideter Mountainbiker hätte die Hilfe von Flügelschlägen besonders gut gebrauchen können. Denn er übersieht eine kleine, aber unnachgiebige Bodenwelle, kommt ins Schlingern und schlägt hart auf den Brettern einer der Sprungmöglichkeiten auf. Sofort eilen ein paar im Umkreis stehende Beobachter zum Unfallort. Wenig später sind auch zwei Sanitäter zur Stelle. Und leisten erfolgreich Hilfe, da der Verunglückte sich nach einer minutenlangen Behandlung zum Glück wieder aufrappelt.

Ein Fahrer ist gestürzt, sofort eilen Zuschauer zur Hilfe.

Ein Fahrer ist gestürzt, sofort eilen Zuschauer zur Hilfe.

Wir trinken gerade ein eiskaltes Bier in der glühend-heißen Nachmittagssonne, als einem weiteren Fahrer ebenfalls ein Missgeschick passiert. Er springt über den letzten Hügel. Als er aufkommt, bricht sein Fahrrad blöderweise in der Mitte in zwei Teile durch. Er stürzt, springt jedoch sofort wieder auf und rennt mit dem halbierten Drahtesel in seinen Händen über die Ziellinie. Die Menge johlt. Diese Szene ist auch bei uns noch Gesprächsstoff, als wir mittlerweile mit dem Auto zurück nach Urubamba fahren.

Auch Kinder aus dem Andenhochland mögen keine Zahnärzte

Die Aussicht ist traumhaft vom Kinderdorf Munaychay, indem Daniela vor einiger Zeit gearbeitet hat. Das großzügige Grundstück mit insgesamt acht Häusern, in denen Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen einen Unterschlupf gefunden haben, ist knapp zwölf Kilometer oberhalb von Urubamba in einer grünen Idylle platziert. Berge umschließen es. Ein Bach plätschert in der Nähe ganz gemächlich vor sich hin. Es gibt einen Spielplatz. Und einen Sportplatz, auf dem unter anderem Fußball und Volleyball gespielt wird.

Das Hilfsprojekt Corazones para Perú (www.corazonesparaperu.com), das vor 16 Jahren von einem Deutschen ins Leben gerufen wurde, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 18 Jahren ein neues Zuhause zu bieten und deren Lebensbedingungen zu verbessern. Nach der Schule helfen Volontäre aus Deutschland den Kindern zum Beispiel bei ihren Hausaufgaben, begleiten sie bei Ausflügen in der Umgebung und geben ihnen Englischunterricht. Auch ausgebildete Pädagogen und Künstler besuchen das Projekt in den Hügeln von Urubamba regelmäßig – und bieten Web-, Töpfer- sowie Mal- und Zeichenkurse an. Wir schauen den Kindern über die Schultern, als sie gerade Teppiche mit bunten Mustern weben – machen uns dann aber auf den Weg zum noch weiter vom Schuss gelegenen Dorf Huilloc.

Das Dorf Huilloc liegt im Andenhochland.

Das Dorf Huilloc liegt im Andenhochland.

Wäschewaschen im Fluss: In Huilloc ist die Moderne noch nicht angekommen.

Wäschewaschen im Fluss: In Huilloc ist die Moderne noch nicht angekommen.

Dort möchte ein Zahnarzt aus Deutschland Kinder aus der Grundschule des kleinen Ortes, in dem die Traditionen des Andenhochlandes noch gepflegt werden und die Bewohner größtenteils traditionelle Trachten (und das nicht aus touristischen Gründen) tragen, behandeln. Schlechte, teilweise verfaulte Zähne haben hier die meisten. Und die dentalen Probleme fangen bereits in jungen Jahren an, wie uns der Experte aus Hessen berichtet.

Die Grundschule in der kleinen Ortschaft abseits der Touristenroute.

Die Grundschule in der kleinen Ortschaft abseits der Touristenroute.

Als wir den aus Rasen bestehenden Innenbereich der Schule betreten, gucken uns die Kinder bereits mit großen und verblüfften Augen an. Wir nähern uns der Klasse, in der die jüngsten Mädchen und Jungen unterrichtet werden. Sie winken uns freudig zu. Nachdem wir den zahnärztlichen Plan mit der Lehrerin der Klasse besprochen haben, nehmen wir einige der Kinder mit zu der provisorisch eingerichteten Hilfspraxis.

Eines der kleinen Mädchen, das wir zum Zahnarzt begleitet haben.

Eines der kleinen Mädchen, das wir zum Zahnarzt begleitet haben.

Eine Kleinigkeit zu essen lassen sie sich aber vorher nicht entgehen.

Eine Kleinigkeit zu essen lassen sie sich aber vorher nicht entgehen.

Und ein Getränk bekommen sie auch.

Und ein Getränk bekommen sie auch.

Eine Schaukel steht auf dem Schulgelände.

Eine Schaukel steht auf dem Schulgelände.

Zudem gibt es weitere Spielgeräte.

Zudem gibt es weitere Spielgeräte.

Beim Spielen fließen auch ab und zu ein paar Tränen, da muss getröstet werden.

Beim Spielen fließen auch ab und zu ein paar Tränen, da muss getröstet werden.

Der erste Junge betritt das Behandlungszimmer, in der der Zahnarzt mit seiner Kollegin wartet. Wir versuchen in der Zwischenzeit, die restlichen Knirpse abzulenken. Die unglücklichen Laute aus der Praxis machen dieses Unterfangen aber immer schwieriger. Zunehmend skeptisch dreinblickende Kinder schauen uns an. Da hilft auch das Fangenspielen und beschwichtigendes Einreden nicht mehr. Die ersten verdrücken sich.

Warten auf den Besuch beim Zahnarzt.

Warten auf den Besuch beim Zahnarzt.

Am Ende des Vormittags können immerhin ein paar kleine Erfolge gefeiert werden. Einige Kinder haben sich schließlich doch der unangenehmen, aber notwendigen Behandlung der freundlichen Ärzte unterzogen. Und als sie die Zahnarztpraxis verlassen, strahlen sie schon wieder bis über beide Ohren – und zeigen uns stolz ihre mittlerweile auf Hochglanz gebrachten Zähne.

Einige Kinder lassen sich behandeln.

Einige Kinder lassen sich behandeln.

Mit dem Gefühl, wenigstens ein kleines bisschen geholfen zu haben, treten wir schließlich den holprigen Rückweg ins Valle Sagrado an.

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