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Im Rausch des Adrenalins

Das Abenteuersportmekka in Venezuela heißt Mérida. Rund um die unscheinbare Stadt in den Anden besteht die Möglichkeit, Sportarten zu betreiben, die Adrenalinjunkies glücklich machen. Auch wir haben den Kick gesucht – und diesen in Mérida gefunden.

Mérida. Begrenzt wird das im Andenhochland liegende Mérida von den zwei Gebirgsketten Sierra Nevada und Sierra La Culata. Die Flüsse Río Albarregas und Río Chama schnellen in unmittelbarer Nähe durch das Tal. Aufgrund dieser spektakulären Lage ist es wenig überraschend, dass sich Mérida zum Abenteuersportzentrum Venezuelas entwickelt hat. Touristen strömen in die Stadt, um sich unter anderem mit einem Schlauchboot in Stromschnellen zu begeben oder mit einem Mountainbike Andenpässe hinunter zu brettern.

Wir haben uns während unseres Aufenthalts für zwei andere Adrenalinkicks entschieden: Paragliding und Canyoning.

We believe we can fly

Die Häuser, Geschäfte und Menschen von Mérida lassen wir hinter aus. Wir schauen aus dem Fenster des Jeeps und blicken auf die kargen Berge, die sich ringsum die Andenstadt auftürmen. Sonst sehen wir nichts.

Kaum verwunderlich ist also, dass wir auf einen dieser großen Berge zusteuern – und das Fahrzeug in die Serpentinenstraße, die Richtung Gipfel führt, einbiegt. Der Fahrer geht kaum vom Gaspedal. Und fährt die Kurven zackig nach oben. Auf dem Rücksitz des Autos werden wir hin- und hergeworfen, bis wir auf einer staubigen Fläche des Berges zum Stehen kommen. „Wir sind an der Absprungstelle, wir sind auf dem Tierra Negra“, sagt Gerardo, dem wir an diesem Nachmittag unser ganzes Vertrauen schenken.

An der Absprungstelle angekommen.

An der Absprungstelle angekommen.

Gerardo ist von Beruf Pilot. Ein Pilot, der einen Gleitschirm steuert. Und uns heute bei einem solchen Flug mit in die Luft nimmt.

Doch bevor unser Paragliding-Abenteuer endlich beginnen kann, müssen Gerardo und sein Team Vorbereitungen treffen. Zuerst wird eine Plane ausgebreitet, auf die der noch zusammengepackte Gleitschirm gelegt wird. Nachdem der Wind sich etwas gelegt hat, bringt ein Helfer den Schirm mit seinen vielen Leinen zum Vorschein.

Der Paragliding-Flug wird vorbereitet.

Der Paragliding-Flug wird vorbereitet.

Auch ich mache mich startklar.

Auch ich mache mich startklar.

Ich bin bereit.

Ich bin bereit.

Ein paar Handgriffe später sagt der Paragliding-Experte Gerardo zu mir: „Es kann losgehen. Wir ziehen jetzt den Schirm hoch. Und dann lauf‘ einfach los, wenn ich es Dir sage.“ Ich nicke – und bin voller adrenalingetränkter Vorfreude. Der Gleitschirm geht nach oben. Dabei spüre ich sofort die immense Kraft des Windes. ¡Vamos!, ruft Gerardo plötzlich. Los! Und ein paar Sekunden danach heben wir ab. Zu Beginn des Fluges soll ich meinen Körper gestreckt halten, nach einigen Sekunden aber in eine Sitzposition wechseln.

Jetzt wird es ernst.

Jetzt wird es ernst.

Der Gleitschirm geht nach oben.

Der Gleitschirm geht nach oben.

Ich fliege - der Sonne entgegen.

Ich fliege – der Sonne entgegen.

Wir sind direkt erstaunlich schnell unterwegs. In meinem Bauch kribbelt es. Wir rauschen durch ein Feld warmer Luft. Auftrieb. Danach sacken wir wieder etwas ab. Es fühlt sich wie Achterbahnfahren an. Eine fliegende Achterbahn.

Es ist mittlerweile später Nachmittag. Die Sonne steht tief. Als wir durch das Tal gleiten, erscheint es mir so, als ob wir dem gelben Feuerball immer näherkommen würden. Eine Schar Vögel, die an uns vorbeifliegen, reißt mich aus meinen Gedanken.

Wir entfernen uns mehr und mehr.

Wir entfernen uns mehr und mehr.

Dann fragt mich Gerardo: „Sollen wir die Sache noch etwas aufregender gestalten?“ Ich habe nichts dagegen. Und der Paragliding-Pilot vollführt schnelle Richtungswechsel. Wir schießen nach links, nach rechts, nach unten und wieder nach oben. Jetzt dreht sich mein Magen im Kreis. Es ist somit an der Zeit, zu landen.

Fotoaufnahmen in der Luft.

Fotoaufnahmen in der Luft.

Mir geht es gut, es macht richtig Spaß.

Mir geht es gut, es macht richtig Spaß.

Gerardo ist auch mit Spaß bei der Sache.

Gerardo ist auch mit Spaß bei der Sache.

„Gleich bei der Landung die Beine strecken und loslaufen“, gibt Gerardo mir eine letzte Anweisung. Und schon sehe ich die Start- und Landefläche des Tierra Negra näherkommen. Dann habe ich Boden unter meinen Füßen, ich stolpere nicht, sondern halte mich auf den Beinen. Mir ist zwar schwindlig, aber das ist egal, schließlich hat der Paragliding-Flug über Mérida unheimlich Spaß gemacht.

Der Landeanflug.

Der Landeanflug.

Die letzten Meter vor der Landung.

Die letzten Meter vor der Landung.

Ich habe wieder Boden unter den Füßen.

Ich habe wieder Boden unter den Füßen.

Dies sieht auch Daniela so, die nach mir mit Gerardo abgehoben ist. Bei ihrem ebenfalls rund 25 Minuten dauernden Flug gibt es nur einen Unterschied: Sie landen nicht oben auf dem Berg, sondern gleiten langsam aber sicher ins Tal hinab, wo wir sie kurz vor dem Sonnenuntergang mit dem Jeep abholen. „Jetzt seid Ihr Paraglider“, sagt Gerardo zum Abschied. Wir müssen lachen.

Nun ist Daniela an der Reihe.

Nun ist Daniela an der Reihe.

Auch sie hebt ab.

Auch sie hebt ab.

Und fliegt dem Horizont entgegen.

Und fliegt dem Horizont entgegen.

Bei ihrem Flug geht langsam die Sonne unter.

Bei ihrem Flug geht langsam die Sonne unter.

Auch Daniela gefällt es.

Auch Daniela gefällt es.

Ein weiterer Beweis.

Ein weiterer Beweis.

Adrenalinkick in der Schlucht

Lächeln müssen wir am nächsten Tag erneut, als wir den abenteuerlichen Inhalt unserer Canyoning-Tour erfahren: in Wasserfällen abseilen, zwischen Felsspalten in einen Fluss hineinspringen sowie eine Steinrutsche nach unten ins kühle Nass huschen.

Dies ist ganz nach unserem Geschmack, denken wir, als wir die Neoprenanzüge in der von uns gewählten Reiseagentur in Mérida anprobieren. Hauteng. Passt. Mit unserem Guide Wilmer und einem venezolanischen Pärchen machen wir uns nach der Anprobe auf den Weg in die Schlucht, die wir nach einer ungefähr halbstündigen Autofahrt erreichen.

Am Fluss angekommen quetschen wir uns in die enganliegenden, wärmenden Neoprenanzüge, während Wilmer uns ein paar Tipps mit auf den Weg gibt. Und dann stapfen wir durch das Wasser, in dem sich unzählige kleine wie große Steine befinden. Aufpassen müssen wir, auf diesen nicht auszurutschen oder uns daran heftig zu stoßen.

Es kann losgehen.

Es kann losgehen.

Nach einigen Minuten stehen wir an der Spitze des ersten von drei Wasserfällen, die wir überwinden müssen. Unser Guide Wilmer sichert uns, dann gehen wir nacheinander den Wasserfall hinunter, seilen uns ab. Unsere Füße fixieren wir an der Felswand, bevor wir uns wieder abstoßen und weiter in die Tiefe vorarbeiten. Das herabstürzende Wasser prasselt dabei mit Wucht auf unsere Köpfe. Die Schutzhelme, die wir tragen, sind dringend erforderlich. Dies wissen wir spätestens, nachdem wir am Fuße des sieben Meter hohen Wasserfalls wohlbehalten angelangt sind.

Den ersten Wasserfall geht es nach unten - eine nasse Angelegenheit.

Den ersten Wasserfall geht es nach unten – eine nasse Angelegenheit.

Geschafft.

Geschafft.

Wenig später erreichen wir bereits den zweiten Wasserfall. Ich wage einen Blick nach unten. 17 Meter geht es in die Tiefe. Wilmer zieht mich an der Schulter zurück und spricht: „Jetzt müsst Ihr eine andere Technik anwenden, Ihr legt Euch immer mit dem Rücken gegen die Felswand.“ Okay, das wird schon irgendwie klappen, sagen wir uns.

Dann schnappe ich mir das Seil und lege es über meine linke Schulter. Langsam taste ich mich in den rauschenden Wasserfall hinein. Ich rutsche leicht weg und verliere den Halt – mit dem Rücken knalle ich gegen harten Stein. Das Wasser schießt an mir vorbei. Ich berappe mich und stoße mich ab. Und noch einmal. Und noch einmal. Alles geht ganz schnell. Ich bin unten. Und grinse.

Auch den nächsten Wasserfall haben wir überwunden.

Auch den nächsten Wasserfall haben wir überwunden.

Der Höhepunkt unseres Ausflugs folgt im Anschluss daran: Wir rutschen einen meterlangen, glatten Felsen hinunter. Dabei sollen wir die Arme vor der Brust verschränken. Ich mache dies, hole noch einmal tief Luft und setze mich rasant in Bewegung. Kurz darauf tauche ich auch schon in das kühle Nass ein. Ich befinde mich unter Wasser, schieße aber umgehend wieder an die Wasseroberfläche. Begeisterung setzt ein. Ein Adrenalinkick pur.

Nachdem alle die Rutschpartie hinter sich gebracht haben, frage ich unseren Guide, ob wir dies wiederholen können? Er zeigt nur nach oben. Wir lassen uns nicht zwei Mal bitten – und nutzen erneut die schnelle Steinrutsche.

Die Steinrutsche ist unser Highlight der Tour.

Die Steinrutsche ist unser Highlight der Tour.

Ich würde am liebsten noch einmal, doch Wilmer eilt schon zum nächsten und letzten Wasserfall unserer Tour. 30 Meter beträgt die Höhe. Der Abstieg verläuft problemlos. Bis kurz vor Schluss. Ich schlage mir das Schienbein an. Als ich es nach unten geschafft habe, kremple ich den Neoprenanzug nach oben und stelle erleichtert fest, dass es sich nur um eine Delle handelt. Halb so wild. Ich bin bereit für die letzte Mutprobe des Tages.

Und diese besteht darin, in eine mit Wasser gefüllte Felsspalte zu springen. Das Problem: Diese Spalte ist äußerst schmal. Trotzdem stürzen wir uns nach kurzer Bedenkzeit zwischen die beiden Felsen. Geschafft.

Geschafft, aber glücklich verlassen wir am nächsten Tag Mérida, das Abenteuersportzentrum Venezuelas, wie wir am eigenen Leib erfahren haben.

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